Kosmetische Rohstoffe

Rohstoff-Tabellen

Rohstoff-Tabelle
In dieser Tabelle finden Sie alle relevanten Informationen zu kosmetischer Wirkung, Einsatzkonzentration, Verarbeitung im Überblick.
Emulgatoren-Tabelle
Lesen Sie alle relevanten Informationen zu Eignung, Eigenschaften, Verarbeitung verfügbarer Emulgatoren in dieser Tabelle.

Das Rohstoffbuch

Heike Käser: Naturkosmetische Rohstoffe. Linz: Freya, 2. Auflage 2011
Das Buch »Naturkosmetische Rohstoffe« bietet einen fundierten und vertiefenden Überblick über bewährte und moderne naturkosmetische Ingredienzien. Sie erhalten das Buch im Buchhandel vor Ort, direkt beim Verlag, bei Amazon, Thalia, Hugendubel und in anderen Online-Buchhandlungen. In meinem Blog habe ich Informationen zum Buch, eine Leseprobe und Fachrezensionen für Sie zusammengestellt.

Seminar »Naturkosmetische Rohstoffe«

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Nicotinamid

INCI: Pyridin-3-carbonsäure-amid, Vitamin B3 (CAS-Nummer: 98-92-0)

Niacin ist ein Oberbegriff für Nicotinsäure und ihre Derivate; sie wird auch unter den Bezeichnungen Nicotinamid, Niacinamid oder (veraltet) Vitamin B3 bzw. Vitamin PP geführt. Niacin ist ein wasserlösliches, weder licht- noch temperaturempfindliches Vitamin aus der B-Gruppe, das vor allem in Getreide, Fleisch und Früchten enthalten ist. Der pH-Wert einer Lösung von Niacin in Wasser (50g/l Wasser, bei 20 °C) beträgt 6–8.
Die reine Nicotinsäure kann durch Erweiterung der Blutgefäße zu einer als Flush bezeichneten Hautrötung bei gleichzeitig auftretendem Schwitzen führen. Kosmetisch verwendet wird Nicotinamid, ein Derivat der Nikotinsäure, das diese Wirkung nicht aufweist. Achten Sie daher bitte beim Kauf auf die oben genannte CAS-Nummer 98-92-0; Nicotinsäure hat hingegen die CAS-Nummer 59-67-6. Wir kaufen es als weißes, geruchloses, feines Pulver.
Als Bestandteil der Coenzyme NADH+ und NADPH+ ist es wesentlich an wichtigen Zellstoffwechselprozessen beteiligt. Die veraltete Bezeichnung »Vitamin PP« bedeutet Pellagra Preventing und zielt auf die Bedeutung des Vitamins in der Behandlung der heute seltenen Krankheit Pellagra, die durch Vitamin-B3-Mangel hervorgerufen wird und sich u. a. in Hautrötungen, Juckreiz und Hautenzündungen äußert. Pellagra ist vor allem in Kulturen verbreitet, die sich auf Basis von Hirse und Mais ernähren, die entweder niacinarm sind oder es in einer Form in den Randschichten des Korns enthalten, die vom Körper nicht verwertet werden kann (bei gleichzeitigem Mangel an Proteinen, da Niacin auch aus Tryptophan, einer Aminosäure, synthetisiert werden kann). In modernen Kulturen ist Niacinmangel praktisch nicht existent.
Als ich dieses Portrait 2007 recherchierte, war Nicotinamid als kosmetischer Rohstoff im Selbstrührerbereich noch wenig bekannt; vermutlich hat er sich schwer durchsetzen können, weil das Pulver (wie ätherische Öle auch) das Gefahrensymbol »Reizend« trägt und nicht in die Augen gelangen soll. In kosmetischen Präparaten, vor allem in Anti Aging-Produkten, ist Nicotinamid beliebte Ingredienz; dermatologisch wird ein 4%iges Gel (Papulex®) in der Akne-Therapie eingesetzt. Heute ist es ein bewährter und geschätzter Selbstrührer-Rohstoff für unterschiedliche Hautzustände.

Bezugsquellen in Europa

Nicotinamid erhalten Sie bei aleXmo cosmetics, Kosmetische Rohstoffe, Omikron, Derma Sou (A), in Apotheken (bitte auf die CAS-Nummer 98-92-0 achten). Eine Übersicht aller Online-Shops mit Direkt-Link ist in dieser Liste zusammengestellt.

Wirkung und kosmetischer Einsatz

Nicotinamid wird in der dermatologischen und kosmetisch orientierten Forschung vor allem im Hinblick auf Akne und als Wirkstoff gegen Hautalterungen untersucht; die bisherigen Ergebnisse und Anwender-Feedbacks skizzieren ein positives Bild bei unterschiedlichen Hautbildern: Lokal aufgetragen, zeigt es sich wirkungsvoll in der Behandlung von Akne: in 2%iger Konzentration konnte es in einer Doppelblindstudie die Produktion an Hautfett (Sebum) deutlich regulieren, in 4%iger Konzentration zeigte es bei 82 % aller Probanden entzündungshemmende Wirkung und eine Verbesserungen der Akne.
Andere Untersuchungen belegen, dass Niacin die Ceramid- und Cholesterin-Synthese in der Hornschicht, im Stratum Corneum, anregt, so die Barrierfunktion gestärkt und in Folge der transepidermalen Wasserverlust reduziert wird. Dies ist nicht verwunderlich: Ceramide (mit ca. 28 %) und Cholesterole (mit ca. 23 %) haben als Bausteine der Zellmembrane und Bestandteile der Barriere-Lipide im Stratum Corneum eine wesentliche Bedeutung für die Stabilisierung und Regulierung der Permeabilitätsbarriere und der Wasserbindungskapazität in der Hornschicht. Eine weitere klinische Studie belegte bei lokaler Anwendung eines 5%igen Niacin-Präparats bei reifer Haut eine deutliche Reduktion von feinen Fältchen und Pigmentflecken und eine Erhöhung der Hautelastizität.
Die kosmetische Anwendung von Nicotinamid zielt demnach nicht auf eine Behebung eines (wie wir wissen, tatsächlich in unserem Kulturkreis nicht vorhandenen) Vitaminmangels, sondern nutzt gezielt spezifische Wirkungen dieser Substanz. Wolfgang Gehring von der Hautklinik am Klinikum Karlsruhe fasst den Stand einiger Forschungsergebnisse in einem Artikel (Nicotinic Acid/niacinamide and the skin. In: Journal of Cosmetic Dermatology (3) 2, April 2004) zusammen:

Topical application of niacinamide has a stabilizing effect on epidermal barrier function, seen as a reduction in transepidermal water loss and an improvement in the moisture content of the horny layer. Niacinamide leads to an increase in protein synthesis (e.g. keratin), has a stimulating effect on ceramide synthesis, speeds up the differentiation of keratinocytes, and raises intracellular NADP levels. In ageing skin, topical application of niacinamide improves the surface structure, smoothes out wrinkles and inhibits photocarcinogenesis. It is possible to demonstrate anti-inflammatory effects in acne, rosacea and nitrogen mustard-induced irritation.

Erfahrungsberichte in der Anwendung von Nicotinamid können Sie in diesem Forumsthread in der Rührküche lesen. Kernaussagen zur beobachtbaren Wirkung sind, dass Komedonen, Unterlagerungen und Unreinheiten deutlich verringert auftreten, die Sebumproduktion reguliert wird und sich neurodermitische Hautzustände positiv verändern. Unverträglichkeiten von AnwenderInnen habe ich bisher sehr selten registriert; vereinzelt gab es Hinweise auf eine leicht austrocknende Wirkung.

Verarbeitung

Nicotinamid ist sehr gut wasserlöslich und kann in die erhitzte, nicht mehr auf dem Herd stehende Wasserphase, aber auch in kaltem Wasser gelöst werden. Es eignet sich als Zusatz in Gesichtswasser, Haartonika, Seren und Cremes. In der Einsatzkonzentration bietet die Forschung bereits konkrete Hinweise; Dosierungen reichen von 2–5 %. Beginnen Sie mit einer geringen Dosierung und tasten Sie sich an Ihre Einsatzkonzentration heran. Die Freisetzung von Nicotinamid in einer hydrophilen Grundlage ist stark vom Wassergehalt der Grundlage abhängig: »Die Steigerung der Nicotinamid-Freisetzungsgeschwindigkeit erfolgt dabei linear mit zunehmendem Gesamtwassergehalt der untersuchten Systeme.«¹ Sie sollten Nicotinamid daher bevorzugt in Formulierungen mit hohem Wassergehalt wie Gesichtswasser, Seren, Fluids oder O/W-Lotionen einsetzen.

Quellenangaben und weiterführende Informationen

  1. Horst Stegemeyer, Lyotrophe Flüssigkristalle. Darmstadt: Steinkopff-Verlag, 1999
  2. Donald L. Bissett, John E.Oblong, Cynthia A. Berge: Niacinamide: A B Vitamin that Improves Aging Facial Skin Appearance. In: Dermatologic Surgery, 31 (s1), Juli 2005
  3. Yoshinao Soma, Masato Kashima, Akiko Imaizumi, Hideto Takahama, Tamihiro Kawakami, Masako Mizoguchi: Moisturizing effects of topical nicotinamide on atopic dry skin In: International Journal of Dermatology, 44 (3), März 2005
  4. Tanno, O., Ota, Y., Kitamura, N., Katsube, T, Inoue, S: Nicotinamide increases biosynthesis of ceramides as well as other stratum corneum lipids to improve the epidermal permeability barrier. In: British Journal of Dermatology, 143 (3), September 2000
  5. Topical nicotinamide compared with clindamycin gel in the treatment of inflammatory acne vulgaris. In: International Journal of Dermatology, 34 (6), Juni 1995