Pflanzen

Pflanzeninhaltsstoffe

Pflanzen verarbeiten

Sammelkalender im Mai

Literatur: Phytotherapie und Pharmakologie

  1. M. Augustin und Y. Hoch, Phytotherapie bei Hauterkrankungen. München: Urban & Fischer 2004
  2. Ursel Bühring: Praxis-Lehrbuch der modernen Heilpflanzenkunde. Grundlagen, Anwendung, Therapie. Stuttgart: Sonntag-Verlag, 2004
  3. R. Hänsel, O. Sticher: Pharmakologie – Phytopharmazie. Heidelberg: Springer, 2010
  4. Michael Heldmaier: Phytochemische Charakterisierung öliger Extrakte aus pflanzlichen Drogen. Dissertation. Hamburg, 2007
  5. Rudolf Voigt: Pharmazeutische Technologie. Stuttgart: Deutscher Apotheker-Verlag, 2006

Literatur: Ätherische Öle und Hydrolate

  1. Len Price, Shirley Price: Understanding Hydrolats. The Specific Hydrosols for Aromatherapy. Edinburg: Churchill Livingstone, 2004
  2. Suzanne Catty, The Next Aromatherapy. Healing Arts Press, 2001
  3. Jeanne Rose: Hydrosols & Aromatic Waters©. San Francisco, 2007
  4. Jeanne Rose: Destillation. A How-To Booklet. San Francisco, 2001
  5. Eliane Zimmermann, Aromatherapie für Pflege- und Heilberufe. Das Kursbuch zur Aromapraxis. Stuttgart: Sonntag-Verlag, 3. Auflage 2006
  6. D. Wabner, C. Beier: Aromatherapie. Grundlagen · Wirksprinzipien · Praxis. München: Urban & Fischer, 2008
  7. Bettina Malle, Helge Schmickl: Ätherische Öle selbst herstellen. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2005
  8. NEU: Ingrid Kleindienst-John: Hydrolate: Helfer aus dem Pflanzenreich. Linz: Freya 2012

Hydrolate und ätherische Öle herstellen

Neben dem Ansatz als wässrig-alkoholische Tinkturen und Ölmazerate bieten Pflanzen eine weitere, wundervolle Möglichkeit, ihre Wirkstoffe in unserer Natur-Kosmetik zu nutzen: wir können sie mit Wasserdampf destillieren und daraus u. a. (je nach Pflanze) ätherische Öle und Hydrolate gewinnen. In diesem Beitrag möchte ich Ihnen das Prinzip der Wasserdampf-Destillation erläutern und Sie Schritt für Schritt, mit Fotos unterstützt, durch eine Destillation begleiten. Ich werde sie mit einer traditionellen Kupferdestille durchführen, deren Bauplan auf Konstruktionsskizzen Leonardo da Vincis zurückgeht und mit deren Typ heute noch weltweit destilliert wird, Sie erhalten dieses Modell in Österreich über die Webseite www.aetherischesoel.at. Diese und weitere Bezugsquellen für Destillen habe ich in der Rubrik »Links« unter den Onlineshops notiert.
Da ich regelmäßig gefragt werde, wie man zuhause qualitativ hochwertige Hydrolate herstellen kann, beginne ich diesen Beitrag mit meinen 7 Destillier-Tipps:

7 Destillier-Tipps im Überblick

  1. Eine gute Orientierung ist die Regel der 1:1-Destillation, das bedeutet 100 g (frisches) Pflanzenmaterial ergeben 100 g (ml) Destillat. Bei getrockneten Drogen ist der Ertrag ergiebiger; hier hat sich eine Destillation im Verhältnis 1:2 bis maximal 1:5 bewährt. Riechen Sie an dem Hydrolat, das heraustropft, schmecken Sie es, irgendwann lässt die Qualität deutlich nach. Auch der pH-Wert gibt Orientierung: Hydrolate bewegen sich im sauren Bereich; im Verlauf der Destillation bewegt sich der pH-Wert immer stärker gegen 7. Beenden Sie die Destillation, sobald der pH-Wert deutlich über dem üblichen Wert des End-Produkts liegt.
  2. Nehmen Sie qualitativ hochwertiges, weiches Wasser oder – noch besser – stilles Quellwasser. Es muss nicht zwingend destilliert sein, denn das wird es ja im Laufe der Destillation sowieso. Nicht wenige bevorzugen destilliertes Wasser, um die Rückstände im Kessel zu minimieren – finden Sie Ihre Variante.
  3. Zerkleinern Sie in der Regel das Pflanzenmaterial sehr gut, um die Ausbeute zu erhöhen; es dürfen keine größeren Hohlräume im Destilliergut auftreten. Es sollte jedoch nicht völlig zermahlen oder gar pulverisiert werden, denn der Sauerstoffkontakt des Zellsaft aus den zerstörten Zellverbänden fördert oxidative und enzymatische Prozesse, die zur Bildung von sekundären Stoffwechselprodukten führen; auch verdichtet dies das Destilliergut im Aromakorb so stark, dass der Dampf nicht alle Partikel benetzen, sie aufquellen und die flüchtigen Stoffe durch Hydrodiffusion und Osmose aus ihnen lösen kann. Bei stark krümelndem Destilliergut empfiehlt es sich, Zelltuch in den Aromakorb zu legen, damit keine Partikel in den Kessel gelangen und eventuell anbrennen. Auch ein weiteres Metallsieb ist denkbar, lässt aber staubfeine Partikel durch. Auf diese Weise verlangsamen sie auch den Durchsatz des Dampfes und lassen ihm mehr Zeit, das Destilliergut zu durchdringen. Rinde wird fein gehäckselt, Samen gemörsert und zerstoßen, Blätter mit scharfem Messer oder Blitzhacker zerkleinert, Blüten fein zerschnitten.
  4. Arbeiten Sie mit größter Sauberkeit, sobald das Hydrolat aufgefangen wird. Desinfizieren Sie alle Behältnisse sorgfältig. In jedem Falle sollte das Hydrolat gefiltert werden, um Schwebstoffe zu vermeiden, die mikrobiellen Verderb begünstigen. Suzanne Catty empfiehlt ungebleichte Kaffeefilter, die in der Mikrowelle sterilisiert werden (mehrmals kleine Einheiten sollen sehr effektiv sein). Ich habe gute Erfahrung mit einem Tee-Goldfilter gemacht, der mit Alkohol desinfiziert wird; bei einigen Pflanzen verwende ich eine Glasnutsche. Es ist sinnvoll, das Hydrolat in mehreren Portionen aufzufangen, um den Zeitpunkt nachlassender Qualität feststellen und die Destillation an einem guten Punkt beenden zu können. Anschließend kann das Hydrolat zusammengegeben und gemischt werden, bevor es abgefüllt wird.
  5. Füllen Sie die Hydrolate in dampfsterilisierte oder mit Alkohol desinfizierte Blau- oder Violettglasflaschen (ich nehme den Dampfdrucktopf), lagern Sie die Hydrolate kühl (9–14 °C) und dunkel. Vermeiden Sie häufiges Öffnen.
  6. In der Literatur werden ca. 4–6 Wochen angegeben, in dem ein Hydrolat reift; erst danach verändert es sich nicht mehr im Duft. Ich kann nur bestätigen: beim frischen Hydrolat ist der Geruchsertrag oft schwach ausgeprägt, oder es dominiert eine olfaktorische Komponente sehr stark. Im Verlauf des Reifungsprozesses verbinden sich die Aromen, der Gesamteindruck wird weicher und intensiver. Hier erweist sich Kupfer als vorteilhaft. Es bindet Schwefelkomponenten und Hefen an sich, die den Geruch beeinträchtigen; »[t]he destillate will be sweet and pleasant immediately«³.
  7. Zu guter Letzt: Lassen Sie die Destille nicht unbeaufsichtigt, füllen Sie genügend Wasser in den Kessel, damit sie nie leer »fährt«. Nach dem Destillationsvorgang reicht es, die Destille von der Herdplatte zu ziehen und auskühlen zu lassen. Gereinigt wird sie später.

Das Prinzip der Wasserdampfdestillation

Die Destillation von Pflanzen mit Wasserdampf entspricht im Wesentlichen immer dem gleichen Prinzip, auch wenn sich die Konstruktion der Destillen im Detail unterscheidet. Folgende Skizze zeigt am Beispiel der Leonardo-Destille, wie dieses Prinzip funktioniert:

  1. Unten im Kessel, der mit Wasser gefüllt ist, befindet sich der Aromakorb mit dem Pflanzenmaterial. Wichtig ist, dass der Boden des Aromakorbs über dem Wasserspiegel steht, so dass die Pflanzen keinen direkten Kontakt mit dem Wasser haben. Bei dieser Destille sind es 1–1,5 Liter.
  2. Die Kühlkuppel oben wird mit kaltem Wasser (eventuell Eis) befüllt bzw. über ein Pumpensystem mit frischem, kalten Wasser gekühlt.
  3. Das im Kessel befindliche Wasser wird nun erhitzt und beginnt zu sieden. Der nach oben steigende Wasserdampf durchdringt das Pflanzenmaterial und die feinen Spalten von Blüten, Blättern und Rinden und reißt dabei die flüchtigen Stoffe mit nach oben in die Kuppel. Dies sind vor allem Ketone, Alkohole, Oxide, Hydrocarbonate, Aldehyde, Acetate u. a., also Substanzen aus ätherischen Ölen und andere, wasserlösliche flüchtige Substanzen, die leichter sind als Wasser.
  4. Oben trifft der heiße Wasserdampf auf die innere, kühle Metallfläche der Kuppel, kondensiert und läuft seitlich die Kuppel hinunter in die Rinne und aus dem Dampfrohr nach außen. Das ist das Hydrolat mit Anteilen an ätherischem Öl.
Hydrolate selbermachen: Das Prinzip der Wasserdampfdestillation am Beispiel 
                der Leonardo-Destille
Abbildung 1: Das Prinzip der Wasserdampfdestillation (hier am Beispiel der Leonardo-Kupferdestille, die Sie unten auf den Fotos sehen.
Lavendel ergibt erstaunliche Mengen an ätherischem Öl
Abbildung 2: Mit der Leonardo-Destille kann je nach Ausgangsmaterial eine erstaunliche Menge an ätherischem Öl gewonnen werden. Hier sehen Sie das frisch nach der Destillation sichtbare Resultat aus angetrockneten Lavendelblüten; sie füllten gerade den Aromakorb. Der Rest feinst verteilter Öltröpfchen befindet sich noch im milchig wirkenden Hydrolat und hat einige Tage Zeit, sich auf der Hydrolat-Oberfläche zu sammeln, bevor es mit einer Pipette abgezogen wird. In Abbildung 13 weiter unten ist das ätherische Öl in einem Fläschchen abgefüllt zu sehen.

Die Destillation

Sie begleiten mich nun bei der Herstellung eines Hydrolats aus Rosmarinzweigen. Hier sehen Sie die Leonardo-Destille zusammengesteckt. Ich schätze sie sehr; ihre kompakte Bauweise ist für das Destillieren im privaten Rahmen optimal. Ihre geringe Größe prädestiniert sie für kleinere Chargen und Pflanzen mit geringem Ätherisch-Öl-Anteil, da durch das gerade Dampfrohr kaum Ölverluste zu befürchten sind.

Hydrolate selbermachen: 
                Die Leonardo-Destille, zusammengesteckt
Abbildung 3: Die zusammen gesteckte Leonardo-Destille. (© H. Käser)

Unten: Auseinander genommen besteht sie aus 4 Teilen, drei kupfernen und einem haushaltsüblichen Dämpfeinsatz aus Edelstahl, dem Aromakorb, dessen Beine mit dünnen Metallrohren verlängert sind:

Die Leonardo-Destille in ihren Einzelteilen
Abbildung 4: Die Einzelteile der Destille, vorne links der Kessel für das Wasser, rechts vorne der Aromakorb, links oben der Dom (das ist die innere, obere Dampfkammer mit Kühlkuppel), rechts oben das Oberteil mit Einfüllstutzen.

Unten: Dies ist die Kühlkuppel von oben betrachtet; man sieht einen der Zu- bzw. Ablaufstutzen. Ich nutze bei Kleinstchargen nur den Ablauf und fülle das Kühlwasser manuell nach. Der nicht verwendete Ablauf wird nach Bedarf mit einem Korken verschlossen. Stehen mehrere Destillationen oder höhere Mengen an, ist der Anschluss an den Wasserhahn praktischer; eine kleine Pumpe (für Gartenteiche oder Zimmerbrunnen) macht das Herstellen von Hydrolaten dann zu einem stressfreien Prozedere.

Blick von oben in die Kühlkuppel der Leonardo-Destille
Abbildung 5: Der Blick von oben in die Kühlkuppel, die später kaltes Wasser und ggfs. Eis aufnimmt. (© H. Käser)

Unten: Innen befindet sich eine Rinne, die den kondensierten Dampf auffängt und durch das Dampfrohr nach außen führt. So geht kein Tropfen des Kondensats verloren.

Blick ins Innere der Kuppel der Destille
Abbildung 6: Das Innere der Kühlkuppel mit der Auffangrinne

Unten: Die frischen Rosmarinspitzen werden fein geschnitten. Hier eignet sich eine entsprechende Küchenmaschine oder ein sehr scharfes Messer, um die Blattmasse nicht zu zerquetschen und nicht ätherisches Öl zu verlieren).

Das Pflanzenmaterial muss gut zerkleinert werden.
Abbildung 7: Das Pflanzenmaterial sollte sorgfältig zerkleinert werden, und zwar viel (!) feiner als hier, um eine optimale Ölausbeute zu erzielen.

Unten: Hier sehen Sie den befüllten Aromakorb (durch die große Öffnung des Oberteils wird später weiter aufgefüllt, um die Menge des Destillierguts zu erhöhen). Das Pflanzenmaterial sollte leicht festgedrückt werden (Ausnahme: Gewürze und kleine Pflanzenteile, die per se schon sehr dicht liegen).

Das zerkleinerte Pflanzenmaterial im Aromakorb
Abbildung 8: Ein Teil des Pflanzenmaterials im Aromakorb. Damit keine kleinen Partikel in den Kessel fallen und dort anbrennen, ist der Boden des Aromakorbs mit Zelltuch ausgelegt. Die Füllhöhe sollte mindestens das 2-fache der Breite betragen. Das Pflanzenmaterial ist hier noch zu grob zerschnitten (das hier war eine meiner ersten Destillationen – man lernt dazu.) (© H. Käser)

Unten: Der Aromakorb wird befüllt, entweder mit den Händen im geöffneten Zustand oder über die große Öffnung des Oberteils, wenn es aufgesteckt ist – befüllt werden darf bis fast obenhin. Darauf kommt die Kühlkuppel mit dem Dampfrohr, aus dem später das Destillat herausrinnt. Hier sehen Sie die mit befüllte Anlage mit einer möglichen Lösung: das warme Wasser wird in einem Kanister aufgefangen und später z. B. als Gießwasser genutzt. Ein weiterer Stutzen (hier nicht sichtbar) ermöglicht den Anschluss an einen Wasserhahn für die Zufuhr kalten Wassers. Besser ist eine kleine Pumpe, die das Wasser in einem geschlossenen Kreislauf zuführt.

Die Leonardo-Destille mit manueller Kühlung
Abbildung 9: Die gesamte Destillationsanlage. (© H. Käser)

Unten: Eine erste Befüllung mit Eis ist vorteilhaft, um die Erwärmung des Wassers zu verzögern. Bei normalen Destillationen befülle ich mein Spülbecken mit Kühlakkus, aus dem es mit einer Gartenteich-Pumpe in die Kühlkuppel gepumpt wird; das warme Wasser läuft ins Becken zurück. Am Ende der Destillation wird es in einen Kanister abgepumpt und dient als Gießwasser.

Eiswasser in der Kühlkuppel der Leonardo-Destille
Abbildung 10: Das Eis in der Kühlkuppel, damit der Wasserdampf innen kondensiert und herausrinnen kann. Hier sieht man hinten übrigens den Ablauf, durch den das Wasser abgepumpt wird. (© H. Käser)

Unten: Es dauert ca. 10–12 Minuten, bis das Wasser im Kessel zu brodeln beginnt, und schon bald liegt der Duft der Pflanze in der Luft, noch bevor das Hydrolat heraustropft. Das Hydrolat kommt erst zögernd, dann in regelmäßigen Stößen aus dem Dampfrohr.

Das selbst gemachte Hydrolat fließt aus dem Dampfrohr
Abbildung 11: Das Hydrolat fließt.

Unten: Ich filtere das Hydrolat gerne durch einen vorher desinfizierten (Tee-)Gold- oder Kaffeefilter, bevor ich es in Flaschen fülle, da sich Schwebteilchen kaum vermeiden lassen. Bei sehr feinen Partikeln verwende ich eine Glasnutsche. Hydrolate mit großem Ätherisch-Öl-Anteil werden in einem Gefäß mit schmalem Hals aufgefangen und das ätherische Öl abgezogen, bevor ich das Hydrolat filtere (falls dies notwendig ist). Hervorragendes Hydrolat z. B. aus Lavendel oder Rosmarin zeigt beim Schütteln unzählige Tröpfchen des ätherischen Öls – eine solche Qualität kann man nur selbst herstellen. Diese Hydrolate sind besonders lange haltbar.

Die Flaschen werden im Dampfdrucktopf 20 Minuten sterilisiert oder mit 70%igem Alkohol ausgespült. Die konsequent saubere Abfüllung ermöglicht auch unkonserviert eine Haltbarkeit von mindestens bis zu 1 Jahr, je nach Hydrolat (vereinzelt auch länger). Alternativ kann das Hydrolat mit Weingeist konserviert werden; die Mengenangaben meiner Mitrührerinnen schwanken zwischen moderaten 3 und sicheren 15 %. Wichtig ist absolut sauberes Arbeiten: Sterilisieren, desinfizieren, Vorräte kühl und dunkel lagern, den Bedarf für 8 Wochen abfüllen  – diese Menge darf mit ins Badezimmer. Bewährt haben sich Sprühköpfe, die eine Kontamination während des Gebrauchs verhindern. Auch diese müssen vorher mit Alkohol desinfiziert werden! Optimal sind Violettglasflaschen; ich selbst verwende gerne Blauglas, da ich die Füllmenge besser kontrollieren kann.

Das abgefüllte, selbst gemachte Hydrolat, sorgfätig beschriftet
Abbildung 12: Selbst destillierte und abgefüllte Hydrolate: hier ist es ein balsamisch duftendes Abelmoschushydrolat aus den getrockneten Samen (Ambrettekörnern) und Centellahydrolat aus frischem Kraut.
Selbst destilliertes ätherisches Lavendelöl
Abbildung 13: Hier sehen Sie ca. 4 ml ätherisches Lavendelöl aus angetrockneten Blüten; es ist das abgezogene Öl, das in Abbildung 2 noch als Schicht auf dem Hydrolat schwimmt.

Unten: Jede Destillation wird von mir dokumentiert – Datum, Pflanze, ihre Beschaffenheit (frisch, getrocknet, genaue Angabe der Pflanzenteile), wieviel Droge mit wieviel Wasser destilliert wurde; eine Spalte für Bemerkungen lässt Raum für meine Eindrücke. Damit ich später die Destillationen unterscheiden kann, vergebe ich Chargennummern. So ist es möglich, optimale Ergebnisse (und Fehler) nachzuvollziehen und daraus zu lernen.

Alle Destillationen werden dokumentiert.
Abbildung 14: Alle Destillationen im Überblick: das Destillationsbuch (© H. Käser)

Die Qualität selbst hergestellter Hydrolate

Selbst hergestellte Hydrolate sind, wenn sorgfältig und mit Wissen und Erfahrung gearbeitet wird, von hoher Qualität, die den Vergleich mit gekauften (je nach Anbieter und Qualität) wahrlich nicht scheuen müssen – im Gegenteil erreichen wir mit vielen Pflanzen eine Qualität, die die gekaufter Hydrolate deutlich übertrifft. Manche Hydrolate sind nicht in gleicher Qualität selbst zu destillieren: entweder sind die entsprechenden Pflanzen weder in der Menge noch in der Frische verfügbar, die ein erstklassiges Hydrolat voraussetzt, wie hochwertige Rosenhydrolate; andere Hydrolate werden fraktioniert und über Stunden aufwändig destilliert (z. B. Ylang-Ylang), auch das werden wir nicht imitieren können. Dennoch gilt: selbst destillierte Hydrolate sind unschlagbar frisch, wir haben Kontrolle über das Wasser sowie das Pflanzenmaterial und bestimmen selbst, ob und wie stark wir konservieren möchten. Hinzu kommt, dass wir es in der Hand haben, das ätherische Öl im Hydrolat zu belassen, während dieses in der Regel vollständig abgezogen wird – Hydrolate gelten in der Neuzeit traditionell als Neben-, um nicht zu sagen Abfallprodukte der Ätherisch-Öl-Produktion. Die Anerkennung des therapeutischen Nutzens qualitativ hochwertiger, reiner Hydrolate ist eine sehr junge Strömung, die vor allem aus Frankreich stammt und erst langsam Raum gewinnt. Für mich gilt daher bei der Produktion meiner Hydrolate: sorgfältigste Auswahl der Pflanzen und immer die Entscheidung für weniger »Masse« und intensivere Qualität. Jede Flasche Hydrolat ist eine kleine Kostbarkeit. Kleine Chargen sind allerdings nur sinnvoll, wenn es nicht um die Gewinnung ätherischer Öle geht: optimale Ergebnisse setzen soviel Pflanzenmaterial voraus, dass die jeweilige Pflanzen ausreichend Zeit hat, während der Destillation ihre typischen Komponenten an den Wasserdampf abzugeben, also ausreichend lange destilliert wird.

Kohobation: Zweifach destillieren?

Manche Hydrolate werde traditionell zweifach destilliert. Diese so genannte Kohobation wird gerne ins Auge gefasst, um ein intensiver duftendes Ergebnis zu erhalten: jedes ätherische Öl beinhaltet auch mehr oder weniger wasserlösliche Komponenten. Bei der einfachen Destillation bleibt ein Teil dieser Substanzen in Lösung und kann nicht als ätherisches Öl gewonnen werden. Aus diesem Grunde werden manche Pflanzendestillate kohobiert, d. h. das einmal destillierte Wasser wird dem Prozess erneut hinzugefügt und reichert sich an wasserlöslichen Komponenten an. Erst wenn es mit diesen gesättigt ist, bildet sich schließlich eine separate Schicht komplettierten ätherischen Öls auf dem Hydrolat. Bei der z. B. bei Rosen üblichen Kohobation werden die fettlöslichen Komponenten des ätherischen Öls (Mono- und Sesquiterpene u. a.) vorher in der so genannten Florentiner Vase abgetrennt (das »essential oil«), die wasserlöslichen Komponenten (Alkohole und Aldehyde) befinden sich gelöst im Destillat (man nennt sie auch »Water oil«), welches direkt wieder in den Kessel zurückgeleitet und dort in einem zweiten Destilliervorgang mit den wasserlöslichen Komponenten gesättigt wird –  das sind zum Beispiel die rosenartig duftenden Phenylethylalkohole. Aus diesem Grund wird Rosenhydrolat traditionell kohobiert, also (mindestens) zweifach destilliert, damit es seinen vollen, typischen Geruch erhält; die Ätherisch-Öl-Ausbeute wäre bei einer einfachen Destillation zudem sehr gering.

Die Frage nach der Qualität von kohobierten Hydrolaten wird in der Fachliteratur kontrovers diskutiert. Während Shirley Price die Vorteile der Kohobation betont, gibt Suzanne Catty den Rat: »If you want your hydrosols to have maximum therapeutical value, you should not cohobate, but you will lose oil yield as a result.«² Zweifellos gewinnen kohobierte Hydrolate durch die dadurch bewirkte Aufkonzentration an ätherischen Ölen an Haltbarkeit, da ihre Inhaltsstoffe antimikrobiell wirken.
Nach Lektüre unterschiedlicher Autoren tendiere ich dazu, Kohobation nicht grundsätzlich als Voraussetzung für besserere Qualität zu werten, wie Prof. Wabner in seinem Buch »Aromatherapie« formuliert. Jede Erhitzung verändert Substanzen und kann das Gesamtergebnis negativ beeinflussen. Wie so oft kommen wir jedoch an eigenen Erfahrungen nicht vorbei: versuchen Sie es selbst und prüfen sie, welche Pflanzen von einer Kohobation profitieren.

Wunderbar ist, Hydrolate destillieren zu können, die auf dem Markt selten erhältlich sind, wie beispielsweise Mädesüßhydrolat, das wegen der geringen Ausbeute vorwiegend als Kodestillation mit Rosmarin erhältlich ist. Manche Pflanze zeigt als Hydrolat ein ganz anderes, bisweilen grün-frisches oder auch honigartig-krautiges Gesicht –  wie das Johanniskraut, das eher als Tinktur oder Rotöl bekannt ist. :-) Aus einigen getrockneten Pflanzenteilen lassen sich ansprechende Hydrolate herstellen, vor allem Hölzer, Samen und Harze sind sehr gut geeignet, wie z.B. die balsamisch duftenden Abelmoschussamen. In der Regel bringt frisches oder angetrocknetes Pflanzenmaterial von Blüten und Blättern deutlich authentischere Resultate als das getrocknete Kraut, können aber durchaus angenehm duften wie Hydrolat aus getrockneten Orangenblüten. Ein olfaktorischer Genuss ist Melissenhydrolat aus dem frischen Kraut: die Ausbeute an ätherischem Öl ist geringst, daher konzentriert sich mein Interesse nur auf das Hydrolat  – aber dieser Duft ist unbeschreiblich!

Hydrolate aus dem Espressokocher?

In manchen Büchern und auch auf manchen Webseiten wird der Espressokocher als Möglichkeit genannt, Hydrolate herzustellen. Offen gesagt: leider klappt dies nicht. Sie können keine Hydrolate erhalten, weil die Pflanzenteile zum einen mit Druck, zum anderen bei Temperaturen über 100 °C durch das Steigrohr der Kanne ausgezogen werden. Es werden keine flüchtigen Komponenten mit dem Wasserdampf mitgerissen, sondern pflanzliches Gewebe in Wasser aufgebrüht und kurz bei hohen Temperaturen gekocht.

Bei einer Destillation addieren sich die Dampfdrücke der Einzelkomponenten in den Pflanzen und verdampfen unter 100 °C, was die sensiblen pflanzlichen Inhaltsstoffe schont, der Druck ist gering. Zudem haben die Pflanzen bei der Wasserdampfdestillation keinen Kontakt mit dem kochenden Wasser, sondern nur mit dem Dampf.

Das, was aus der Espressokanne kommt, entspricht eher einem starken Tee, wobei ein Teeaufguss die Pflanzen und ätherischen Öle in ihnen schonender behandelt. Auch Schwebstoffe lassen sich nie ausschließen; Sie sollten einen solchen Aufguss daher nie als Wasserphase für eine Emulsion verwenden, auch wenn es in ihrem frisch erworbenen Buch über das Herstellen von Naturkosmetik so steht. Ich persönlich würde (für Kompressen und zum Anrühren von Frischemasken z. B.) immer einen die Inhaltsstoffe schonenden Teeaufguss vorziehen.