Neben dem Ansatz als wässrig-alkoholische Tinkturen und Ölmazerate
bieten Pflanzen eine weitere, wundervolle Möglichkeit, ihre Wirkstoffe
in unserer Natur-Kosmetik zu nutzen: wir können sie mit Wasserdampf
destillieren und daraus u. a. (je nach Pflanze) ätherische Öle
und Hydrolate gewinnen. In diesem Beitrag möchte ich Ihnen das Prinzip der
Wasserdampf-Destillation erläutern und Sie Schritt für Schritt,
mit Fotos unterstützt, durch eine Destillation begleiten. Ich werde sie
mit einer traditionellen Kupferdestille durchführen, deren Bauplan auf
Konstruktionsskizzen Leonardo da Vincis zurückgeht und mit deren Typ
heute noch weltweit destilliert wird, Sie erhalten dieses Modell in Österreich
über die Webseite www.aetherischesoel.at.
Diese und weitere Bezugsquellen für Destillen habe ich in der Rubrik
»Links« unter den Onlineshops
notiert.
Da ich regelmäßig gefragt werde, wie man zuhause qualitativ hochwertige
Hydrolate herstellen kann, beginne ich diesen Beitrag mit meinen 7 Destillier-Tipps:
Die Destillation von Pflanzen mit Wasserdampf entspricht im Wesentlichen immer dem gleichen Prinzip, auch wenn sich die Konstruktion der Destillen im Detail unterscheidet. Folgende Skizze zeigt am Beispiel der Leonardo-Destille, wie dieses Prinzip funktioniert:


Sie begleiten mich nun bei der Herstellung eines Hydrolats aus Rosmarinzweigen. Hier sehen Sie die Leonardo-Destille zusammengesteckt. Ich schätze sie sehr; ihre kompakte Bauweise ist für das Destillieren im privaten Rahmen optimal. Ihre geringe Größe prädestiniert sie für kleinere Chargen und Pflanzen mit geringem Ätherisch-Öl-Anteil, da durch das gerade Dampfrohr kaum Ölverluste zu befürchten sind.

Unten: Auseinander genommen besteht sie aus 4 Teilen, drei kupfernen und einem haushaltsüblichen Dämpfeinsatz aus Edelstahl, dem Aromakorb, dessen Beine mit dünnen Metallrohren verlängert sind:

Unten: Dies ist die Kühlkuppel von oben betrachtet; man sieht einen der Zu- bzw. Ablaufstutzen. Ich nutze bei Kleinstchargen nur den Ablauf und fülle das Kühlwasser manuell nach. Der nicht verwendete Ablauf wird nach Bedarf mit einem Korken verschlossen. Stehen mehrere Destillationen oder höhere Mengen an, ist der Anschluss an den Wasserhahn praktischer; eine kleine Pumpe (für Gartenteiche oder Zimmerbrunnen) macht das Herstellen von Hydrolaten dann zu einem stressfreien Prozedere.

Unten: Innen befindet sich eine Rinne, die den kondensierten Dampf auffängt und durch das Dampfrohr nach außen führt. So geht kein Tropfen des Kondensats verloren.

Unten: Die frischen Rosmarinspitzen werden fein geschnitten. Hier eignet sich eine entsprechende Küchenmaschine oder ein sehr scharfes Messer, um die Blattmasse nicht zu zerquetschen und nicht ätherisches Öl zu verlieren).

Unten: Hier sehen Sie den befüllten Aromakorb (durch die große Öffnung des Oberteils wird später weiter aufgefüllt, um die Menge des Destillierguts zu erhöhen). Das Pflanzenmaterial sollte leicht festgedrückt werden (Ausnahme: Gewürze und kleine Pflanzenteile, die per se schon sehr dicht liegen).

Unten: Der Aromakorb wird befüllt, entweder mit den Händen im geöffneten Zustand oder über die große Öffnung des Oberteils, wenn es aufgesteckt ist – befüllt werden darf bis fast obenhin. Darauf kommt die Kühlkuppel mit dem Dampfrohr, aus dem später das Destillat herausrinnt. Hier sehen Sie die mit befüllte Anlage mit einer möglichen Lösung: das warme Wasser wird in einem Kanister aufgefangen und später z. B. als Gießwasser genutzt. Ein weiterer Stutzen (hier nicht sichtbar) ermöglicht den Anschluss an einen Wasserhahn für die Zufuhr kalten Wassers. Besser ist eine kleine Pumpe, die das Wasser in einem geschlossenen Kreislauf zuführt.

Unten: Eine erste Befüllung mit Eis ist vorteilhaft, um die Erwärmung des Wassers zu verzögern. Bei normalen Destillationen befülle ich mein Spülbecken mit Kühlakkus, aus dem es mit einer Gartenteich-Pumpe in die Kühlkuppel gepumpt wird; das warme Wasser läuft ins Becken zurück. Am Ende der Destillation wird es in einen Kanister abgepumpt und dient als Gießwasser.

Unten: Es dauert ca. 10–12 Minuten, bis das Wasser im Kessel zu brodeln beginnt, und schon bald liegt der Duft der Pflanze in der Luft, noch bevor das Hydrolat heraustropft. Das Hydrolat kommt erst zögernd, dann in regelmäßigen Stößen aus dem Dampfrohr.

Unten: Ich filtere das Hydrolat gerne durch einen vorher desinfizierten (Tee-)Gold- oder Kaffeefilter, bevor ich es in Flaschen fülle, da sich Schwebteilchen kaum vermeiden lassen. Bei sehr feinen Partikeln verwende ich eine Glasnutsche. Hydrolate mit großem Ätherisch-Öl-Anteil werden in einem Gefäß mit schmalem Hals aufgefangen und das ätherische Öl abgezogen, bevor ich das Hydrolat filtere (falls dies notwendig ist). Hervorragendes Hydrolat z. B. aus Lavendel oder Rosmarin zeigt beim Schütteln unzählige Tröpfchen des ätherischen Öls – eine solche Qualität kann man nur selbst herstellen. Diese Hydrolate sind besonders lange haltbar.
Die Flaschen werden im Dampfdrucktopf 20 Minuten sterilisiert oder mit 70%igem Alkohol ausgespült. Die konsequent saubere Abfüllung ermöglicht auch unkonserviert eine Haltbarkeit von mindestens bis zu 1 Jahr, je nach Hydrolat (vereinzelt auch länger). Alternativ kann das Hydrolat mit Weingeist konserviert werden; die Mengenangaben meiner Mitrührerinnen schwanken zwischen moderaten 3 und sicheren 15 %. Wichtig ist absolut sauberes Arbeiten: Sterilisieren, desinfizieren, Vorräte kühl und dunkel lagern, den Bedarf für 8 Wochen abfüllen – diese Menge darf mit ins Badezimmer. Bewährt haben sich Sprühköpfe, die eine Kontamination während des Gebrauchs verhindern. Auch diese müssen vorher mit Alkohol desinfiziert werden! Optimal sind Violettglasflaschen; ich selbst verwende gerne Blauglas, da ich die Füllmenge besser kontrollieren kann.


Unten: Jede Destillation wird von mir dokumentiert – Datum, Pflanze, ihre Beschaffenheit (frisch, getrocknet, genaue Angabe der Pflanzenteile), wieviel Droge mit wieviel Wasser destilliert wurde; eine Spalte für Bemerkungen lässt Raum für meine Eindrücke. Damit ich später die Destillationen unterscheiden kann, vergebe ich Chargennummern. So ist es möglich, optimale Ergebnisse (und Fehler) nachzuvollziehen und daraus zu lernen.

Selbst hergestellte Hydrolate sind, wenn sorgfältig und mit Wissen und Erfahrung gearbeitet wird, von hoher Qualität, die den Vergleich mit gekauften (je nach Anbieter und Qualität) wahrlich nicht scheuen müssen – im Gegenteil erreichen wir mit vielen Pflanzen eine Qualität, die die gekaufter Hydrolate deutlich übertrifft. Manche Hydrolate sind nicht in gleicher Qualität selbst zu destillieren: entweder sind die entsprechenden Pflanzen weder in der Menge noch in der Frische verfügbar, die ein erstklassiges Hydrolat voraussetzt, wie hochwertige Rosenhydrolate; andere Hydrolate werden fraktioniert und über Stunden aufwändig destilliert (z. B. Ylang-Ylang), auch das werden wir nicht imitieren können. Dennoch gilt: selbst destillierte Hydrolate sind unschlagbar frisch, wir haben Kontrolle über das Wasser sowie das Pflanzenmaterial und bestimmen selbst, ob und wie stark wir konservieren möchten. Hinzu kommt, dass wir es in der Hand haben, das ätherische Öl im Hydrolat zu belassen, während dieses in der Regel vollständig abgezogen wird – Hydrolate gelten in der Neuzeit traditionell als Neben-, um nicht zu sagen Abfallprodukte der Ätherisch-Öl-Produktion. Die Anerkennung des therapeutischen Nutzens qualitativ hochwertiger, reiner Hydrolate ist eine sehr junge Strömung, die vor allem aus Frankreich stammt und erst langsam Raum gewinnt. Für mich gilt daher bei der Produktion meiner Hydrolate: sorgfältigste Auswahl der Pflanzen und immer die Entscheidung für weniger »Masse« und intensivere Qualität. Jede Flasche Hydrolat ist eine kleine Kostbarkeit. Kleine Chargen sind allerdings nur sinnvoll, wenn es nicht um die Gewinnung ätherischer Öle geht: optimale Ergebnisse setzen soviel Pflanzenmaterial voraus, dass die jeweilige Pflanzen ausreichend Zeit hat, während der Destillation ihre typischen Komponenten an den Wasserdampf abzugeben, also ausreichend lange destilliert wird.
Manche Hydrolate werde traditionell zweifach destilliert. Diese so genannte Kohobation wird gerne ins Auge gefasst, um ein intensiver duftendes Ergebnis zu erhalten: jedes ätherische Öl beinhaltet auch mehr oder weniger wasserlösliche Komponenten. Bei der einfachen Destillation bleibt ein Teil dieser Substanzen in Lösung und kann nicht als ätherisches Öl gewonnen werden. Aus diesem Grunde werden manche Pflanzendestillate kohobiert, d. h. das einmal destillierte Wasser wird dem Prozess erneut hinzugefügt und reichert sich an wasserlöslichen Komponenten an. Erst wenn es mit diesen gesättigt ist, bildet sich schließlich eine separate Schicht komplettierten ätherischen Öls auf dem Hydrolat. Bei der z. B. bei Rosen üblichen Kohobation werden die fettlöslichen Komponenten des ätherischen Öls (Mono- und Sesquiterpene u. a.) vorher in der so genannten Florentiner Vase abgetrennt (das »essential oil«), die wasserlöslichen Komponenten (Alkohole und Aldehyde) befinden sich gelöst im Destillat (man nennt sie auch »Water oil«), welches direkt wieder in den Kessel zurückgeleitet und dort in einem zweiten Destilliervorgang mit den wasserlöslichen Komponenten gesättigt wird – das sind zum Beispiel die rosenartig duftenden Phenylethylalkohole. Aus diesem Grund wird Rosenhydrolat traditionell kohobiert, also (mindestens) zweifach destilliert, damit es seinen vollen, typischen Geruch erhält; die Ätherisch-Öl-Ausbeute wäre bei einer einfachen Destillation zudem sehr gering.
Die Frage nach der Qualität von kohobierten Hydrolaten wird in der
Fachliteratur kontrovers diskutiert. Während Shirley Price die Vorteile
der Kohobation betont, gibt Suzanne Catty den Rat: »If you
want your hydrosols to have maximum therapeutical value, you should not
cohobate, but you will lose oil yield as a result.«²
Zweifellos gewinnen kohobierte Hydrolate durch die dadurch bewirkte Aufkonzentration
an ätherischen Ölen an Haltbarkeit, da ihre Inhaltsstoffe antimikrobiell wirken.
Nach Lektüre unterschiedlicher Autoren tendiere ich dazu, Kohobation
nicht grundsätzlich als Voraussetzung für besserere Qualität
zu werten, wie Prof. Wabner in seinem Buch »Aromatherapie« formuliert.
Jede Erhitzung verändert Substanzen und kann das Gesamtergebnis
negativ beeinflussen. Wie so oft kommen wir jedoch an eigenen Erfahrungen
nicht vorbei: versuchen Sie es selbst und prüfen sie, welche Pflanzen
von einer Kohobation profitieren.
Wunderbar ist, Hydrolate destillieren zu können, die auf dem Markt selten erhältlich sind, wie beispielsweise Mädesüßhydrolat, das wegen der geringen Ausbeute vorwiegend als Kodestillation mit Rosmarin erhältlich ist. Manche Pflanze zeigt als Hydrolat ein ganz anderes, bisweilen grün-frisches oder auch honigartig-krautiges Gesicht – wie das Johanniskraut, das eher als Tinktur oder Rotöl bekannt ist. :-) Aus einigen getrockneten Pflanzenteilen lassen sich ansprechende Hydrolate herstellen, vor allem Hölzer, Samen und Harze sind sehr gut geeignet, wie z.B. die balsamisch duftenden Abelmoschussamen. In der Regel bringt frisches oder angetrocknetes Pflanzenmaterial von Blüten und Blättern deutlich authentischere Resultate als das getrocknete Kraut, können aber durchaus angenehm duften wie Hydrolat aus getrockneten Orangenblüten. Ein olfaktorischer Genuss ist Melissenhydrolat aus dem frischen Kraut: die Ausbeute an ätherischem Öl ist geringst, daher konzentriert sich mein Interesse nur auf das Hydrolat – aber dieser Duft ist unbeschreiblich!
In manchen Büchern und auch auf manchen Webseiten wird der Espressokocher als Möglichkeit genannt, Hydrolate herzustellen. Offen gesagt: leider klappt dies nicht. Sie können keine Hydrolate erhalten, weil die Pflanzenteile zum einen mit Druck, zum anderen bei Temperaturen über 100 °C durch das Steigrohr der Kanne ausgezogen werden. Es werden keine flüchtigen Komponenten mit dem Wasserdampf mitgerissen, sondern pflanzliches Gewebe in Wasser aufgebrüht und kurz bei hohen Temperaturen gekocht.
Bei einer Destillation addieren sich die Dampfdrücke der Einzelkomponenten in den Pflanzen und verdampfen unter 100 °C, was die sensiblen pflanzlichen Inhaltsstoffe schont, der Druck ist gering. Zudem haben die Pflanzen bei der Wasserdampfdestillation keinen Kontakt mit dem kochenden Wasser, sondern nur mit dem Dampf.
Das, was aus der Espressokanne kommt, entspricht eher einem starken Tee, wobei ein Teeaufguss die Pflanzen und ätherischen Öle in ihnen schonender behandelt. Auch Schwebstoffe lassen sich nie ausschließen; Sie sollten einen solchen Aufguss daher nie als Wasserphase für eine Emulsion verwenden, auch wenn es in ihrem frisch erworbenen Buch über das Herstellen von Naturkosmetik so steht. Ich persönlich würde (für Kompressen und zum Anrühren von Frischemasken z. B.) immer einen die Inhaltsstoffe schonenden Teeaufguss vorziehen.