
Um Wirkstoffe aus Pflanzendrogen (altdeutsch: »dröge« bedeutet »trocken«) nutzen zu können, extrahieren wir sie mit Hilfe von Lösungsmitteln. Im Folgenden gebe ich einen kurzen Überblick über bekannte Methoden und beginne mit dem für uns sinnvollsten:
Die wässrig-alkoholische Tinktur ist die Extraktionsmethode, die
sich (neben dem Ölauszug) für unsere Zwecke besonders anbietet.
Vorteile sind ihre lange mikrobielle Haltbarkeit (mehr als ein Jahr sollten
sie allerdings nicht lagern, auch wenn sie nicht »schlecht« werden
können; die Wirkstoffe bleiben chemisch nicht stabil und unterliegen
Oxydations- und eventuell auch enzymatischen Abbauprozessen) und das
breite Spektrum an Wirkstoffen, die Alkohol löst. Im Vergleich zu
rein wässrigen Auszügen werden höhere Anteile an lipophilen
(fettlöslichen) Bestandteilen extrahiert, dazu gehören z. B.
viele Flavonoide und
Carotinoide,
aber auch Alkaloide, Glycoside, Saponine, einige Bitterstoffe und
ätherische Öle sind
durch verdünnten Alkohol extrahierbar.
Ein gewisser Anteil an Wasser wird benötigt, um die Zellwände
der Drogen aufzuquellen und das Zellinnere besser zugänglich zu
machen, ein zu hoher Wasseranteil kann eine zu starke Quellung
hervorrufen und damit die Extraktion behindern. Wir arbeiten daher mit
verdünnten wässrig-alkoholischen
Lösungen.
70 %vol. haben sich als optimaler Standard für
viele pflanzliche Drogen bewährt: diese Konzentration deckt ein
breites Spektrum an löslichen Wirkstoffen ab und verhindert ein
zu starkes Aufquellen der Zellwände. In der Herstellung von naturkosmetischen
Emulsionen hat dieser Verdünnungsgrad einen weiteren Vorteil: da
Tinkturen erst in die erkaltete Emulsion gegeben werden, ist bei einer
70%igen Tinktur die Menge an kalter Flüssigkeit gering, und die
Emulsionen bleiben in der Regel stabil. Arbeiten Sie mit (z. B.)
40%igen Tinkturen, kann der Anteil an kalt einzuarbeitender wässriger
Phase so groß sein, dass die Emulsion eventuell instabil wird oder
das Wasser nicht mehr vollständig aufnimmt. Ich setze daher
meine Tinkturen grundsätzlich mit 70 % vol. an.
Je nach Pflanzenteilen und Wirkstoffen sind jedoch auch niedrigere Konzentrationen ausreichend – reiner unvergällter Weingeist ist auch eine Kostenfrage; in seltenen Fällen (z. B. bei der Extraktion von Harzen) kann eine höhere Konzentration sinnvoll sein. Abhängig vom Pflanzenteil empfehlen sich folgende alkoholischen Konzentrationen:
Im Hinblick auf Wirkstoffgruppen empfiehlt Ursel Bühring² ebenfalls optimale Alkohol-Konzentrationen (a. a. O., S. 39), an die folgende Liste angelehnt ist:
Bei der Entscheidung, welche Alkohol-Konzentration für einen Auszug
herstellungstechnisch optimal ist, wird man sicher sowohl die gewünschten
Wirkstoffe als auch den Charakter des jeweiligen Pflanzenteils berücksichtigen:
Eichenrinde als Gerbstoffdroge wird aufgrund seines holzigen Charakters
eine höhere Alkohol-Konzentration von eher 60–65 Vol.%.
voraussetzen, ein Gerbstoffauszug aus Grüntee ist mit 40–50 Vol.% »gut
bedient«. In den Pflanzenportraits habe ich Ihnen jeweils eine
Empfehlung der Alkoholkonzentration ergänzt, die Pflanzenteil und
Inhaltsstoffe berücksichtigt. Wichtig ist, dass der Ansatz zweimal
täglich (gerne mehrere Minuten) bewegt wird, um die Wirkstoffe aus
dem Pflanzenmaterial zu lösen; leichte Wärme beschleunigt diesen
Prozess. Nach einer gewissen, erstaunlich kurzen Zeit ist ein Konzentrationsgleichgewicht
der Inhaltsstoffe zwischen Droge und wässrig-alkoholischer Lösung
erreicht; längere Auszugszeiten oder ein zweifacher Ansatz machen
daher keinen Sinn. Wer konzentriertere Extrakte wünscht, kann dies
durch Verdunsten des Alkohols erreichen, indem man die Tinktur in einer
Schale offen stehen lässt.
In verschiedenen Quellen werden unterschiedliche Auszugszeiten genannt.
Pharmazeutisch orientierte Fachquellen nennen wenige Minuten (5 Minuten
bei einer kontinuierlichen Zerkleinerung der Droge mit einem Stabmixer
über diese Zeit, der so genannten Turbo- oder Wirbelextraktion, siehe
weiter unten im Beitrag) bis wenige Tage als Dauer für
eine erschöpfende
Extraktion. Längere
Auszugszeiten, das Auszugsgut gar in der Sonne stehend, beschleunigen nur
oxidative und enzymatische Abbauprozesse.
Sie können einen reinen Alkohol (Wodka oder Korn beispielsweise) in einer gewünschten Konzentration kaufen oder sich eine wässrig-alkoholische Mischung selbst herstellen. Ich verwende bevorzugt 95%igen (vol.) Weingeist (sie erhalten ihn z. B. in schlesischen Geschäften) und verdünne ihn mit Hydrolat, gerne mit einem der auszuziehenden Pflanze; gut geeignet ist auch abgekochtes, weiches (destilliertes) Wasser oder stilles Mineralwasser. Der Konservierungsrechner hilft Ihnen bei der Bestimmung der notwendigen Mengen in Gramm und in Millilitern:


Nun stellen sich wichtige Fragen: wieviel Droge gebe ich auf welche Menge Alkohol? Wie lange muss die Pflanzenteile extrahieren lassen? Wie kann ich die Wirkstoffausbeute erhöhen? Je nachdem, was wir extrahieren wollen, kann es unterschiedliche Szenarien geben, die im Wesentlichen folgende vier Faktoren variieren, wobei alle Faktoren in Wechselwirkung mit einander stehen (je wärmer der Auszug erfolgt, je kleiner das Pflanzenmaterial zerkleinert ist, desto kürzer ist die Auszugsdauer):
Nun, ich denke, wir pflegen ein Hobby und wollen keine wissenschaflichen Untersuchungen anstellen. Folgende Anhaltspunkte sollten für unsere Zwecke ausreichen und Ihnen daher als Orientierung dienen:
Extrakte sind übrigens konzentrierte Auszüge,
bei denen das Lösungsmittel z. T. oder vollständig entfernt
wird. Sie liegen dann flüssig, zähflüssig oder trocken
vor. Das Droge-Extrakt-Verhältnis (kurz DEV) wird
in einer Formel berechnet:
DEV = Masse der Droge : Masse des Extrakts
Für unsere Zwecke erscheinen mir die Wirkstoff-Konzentrationen der
Tinkturen ausreichend. Pflanzen enthalten hochwirksame Substanzen, die
ein Laie (und das sind wir in aller Regel) vorsichtig handhaben sollte.
Eine qualitativ ausgezeichnete und fast erschöpfend extrahierende Methode ist die oben kurz genannte Turboextraktion, für die Sie einen Stabmixer benötigen, der 5 Minuten ohne Unterbrechung arbeiten kann. Die Turboextraktion bringt in der Regel erschöpfendere Ergebnisse als mehrwöchige Ansätze¹.

Bei der Turboextraktion ist eine gute Filterung besonders wichtig, da der Stabmixer feinste Partikel erzeugt, die die Tinktur durch Schwebstoffe instabilisieren können. Ideal dafür ist die Filterung mit einer Glasnutsche.
Besonders zuverlässig filtern Sie mit einer Glasfilternutsche aus dem Laborbedarf, das ist ein Glasfilter mit integriertem Filterboden, der ohne Filterpapier verwendet werden kann. Die Flüssigkeiten sollten eventuell grob mit einem Kaffeefilter vorgefiltert werden, da größere Schwebteile ansonsten die Nutsche verstopfen. Ich arbeite mit einer Glasfilternutsche der Porosität 4 (3 ist ein etwas gröberer Filter, der jedoch ebenfalls sehr gut geeignet ist) mit 125 ml Fassungsvermögen und den Maßen 60x10 mm. Diese Filternutsche sitzt in einem Gummi-Konus auf einer Saugflasche mit 500 ml Fassungsvermögen. Mit Hilfe einer Gummi-Ohrenpumpe aus der Apotheke können sie den benötigten Unterdruck in der Glasflasche erzeugen. Die Kosten für Filternutsche, Saugflasche und Gummikonus zusammen liegen bei ca. 50 Euro. Wer regelmäßig Tinkturen und Hydrolate herstellt, wird den Kostenaufwand in keinem Fall bereuen.

Gereinigt wird die Filternutsche nach dem Gebrauch zunächst unter fließendem Wasser, optimal mit einem Gummipinsel (Küchenbedarf), dann kann mit etwas 70%igem Alkohol gefiltert werden. Die Nutsche muss gut trocknen, bevor man sie wieder wegpackt. Hartnäckige Verfärbungen können hin und wieder mit einem Chlorreiniger wie Chlorix vorgenommen werden: eine dünne Schicht in die Nutsche gießen und von selbst durchsickern lassen. Anschließend wird die Nutsche mehrfach mit Wasser, am Schluss wieder mit Alkohol durchgespült.
Eines dieser »Lösungsmittel« verwenden Sie sicher regelmäßig (denken Sie an Ihre entspannende Tasse Tee): Wasser. Die Pflanzenteile werden mit kochendem oder heißen Wasser übergossen und zugedeckt 5–10 Minuten ziehen gelassen. Welche Temperatur das Wasser haben muss, ist pflanzenspezifisch: einige sollen mit heißem, nicht mehr kochendem Wasser zubereitet werden, um wertvolle Inhaltsstoffe nicht zu zerstören, wie z. B. Grüntee oder Spitzwegerich. Diese Form der Extraktion wird auch Infus genannt. Ein Infus eignet sich für feine Pflanzendrogen mit eher milder Wirkung und breitem therapeutischen Wirkungsspektrum. Der Nachteil eines wässrigen Auszugs ist seine geringe Stabilität, zum einen im Hinblick auf die darin gelösten Wirkstoffe, zum anderen im Hinblick auf die Haltbarkeit, da sich Bakterien in Wasser sehr schnell vermehren. Für kosmetische Zwecke eignen sich wässrige Lösungen daher nur als Frischanwendung, z. B. für Masken und Kompressen.
Härtere Pflanzenteile (z. B. Wurzeln und Rinden) oder solche mit
schwer löslichen Bestandteilen (Kieselsäure im Ackerschachtelhalm)
werden mit kaltem Wasser angesetzt, zum Sieden gebracht und 10–15
Minuten leicht gekocht. Anschließend filtriert man den Sud. Auch
eine Abkochung ist ohne weitere Konservierung nur kurz haltbar. Flüchtige
Wirkstoffe gehen bei der Abkochung verloren. Auch Irisches
Moos (Chondrus Crispus) wird als Decoctum verwendet.
Bei kieselsäurehaltigen Pflanzen hat sich ein Mazerationsdekokt,
ein Einweichen über
Nacht in kaltem Wasser bewährt; am nächsten Tag wird der Ansatz
10–30 Minuten lang gekocht und dann gefiltert.
Für schleimhaltige Drogen (Eibischwurzeln z.
B. oder Quittensamen) eignet
sich der Auszug in kaltem Wasser. Die Droge wird mit kaltem Wasser übergossen
und mehrere Stunden oder über Nacht (bei Raumtemperatur) stehen
gelassen. Regelmäßiges Umrühren fördert die Ausbeute.
Anschließend wird das Mazerat gefiltert.
Kaltauszüge wird man auch dann bevorzugen, wenn durch heißes
Wasser unerwünschte Bestandteile gelöst würden. Auch hier
gilt: kurze Haltbarkeit. Es empfiehlt sich, das Mazerat
vor Verwendung kurz aufzukochen, da es sehr schnell verkeimt.
Den Ölauszügen habe ich eine eigene Seite gewidmet.