Im Frühjahr 2012 wird mein neues Buch erscheinen: Das Handbuch kombiniert verständlich
aufbereitete Theorie mit fundierter Herstellungspraxis und lädt mit über 100 Naturkosmetikrezepten
zum Nachrühren und Selbstentwickeln ein. Sie können es bereits beim
Verlag oder bei Amazon vorbestellen.
Ein klares Duschgel mit Plantapon® SF und ein wenig grüner Lebensmittelfarbe.
Ich habe es noch ein drittes mit Rot gefärbt. ;)
Um Haut und Haare zu reinigen, benötigen wir Tenside. Tenside sind,
wie Emulgatoren, »oberflächenaktive Substanzen«, die
zwischen Wasser und dem aus Hauttalg, Schweiß, Cremerückständen,
Make up usw. bestehenden Schmutz vermitteln, damit sie zusammen
entfernt werden können. Die folgende Grafik visualisiert das Reinigungsprinzip
eines Tensids:
Die Tensid-Moleküle verringern die Grenzflächenspannung
des Wassers und können so in kleinste Zwischenräume zwischen
Schmutzpartikeln und Oberfläche eindringen. Sie lagern sich mit
ihrem lipophilen (fettliebenden) Teil an den Schmutzpartikel an (sie
bilden um ihn herum eine so genannte Mizelle) und »lösen«
ihn auf diese Weise im Wasser, so dass er nun abgespült werden kann.
Tensidtypen
In der kosmetischen Industrie werden verschiedene Tenside verwendet,
die sich nach der Ladung ihrer Ionen (positiv, negativ, zwittrig oder
nicht geladen) in wässriger Lösung unterscheiden und, damit
verbunden, unterschiedliche Merkmale aufweisen. Tenside können mehr
oder weniger stark reinigen und schäumen (Beispiel: Duschgel und
Shampoo), Oberflächen benetzen, sich aber auch durch ihre (positive)
Ladung an negativ geladene Haare anlagern, sie glätten und weich
machen (Beispiel: Haar-Konditioner). Wir unterscheiden grob folgende
Tensid-Typen mit ganz typischen Eigenschaften:
Anionische Tenside, die eine negative Ladung in
ihrem hydrophilen (wasserliebenden) Teil tragen. Es sind in der Regel
Salze mit Natrium (INCI: Sodium), Kalium (INCI: Potassium),
Ammoninium (INCI: Ammonium), Magnesium (INCI: Magnesium),
Monoethanolamin (INCI: MEA), Diethanolamin (INCI: DEA)
oder Triethanolamin (INCI: TEA). In der Industrie nehmen sie
den größten Teil an allen Tensiden ein (unter anderem auch,
weil sie sehr preiswert zu produzieren sind); unter ihnen befinden
sich die meisten industriell als Basis-Tenside bezeichneten
Produkte. Ihre Eigenschaften unterscheiden sich je nach Untergruppe;
in der Regel haben sie jedoch eine sehr gute Reinigungswirkung und
bilden einen ausgeprägten Schaum. Für Shampoos eignen sich
vor allem anionische Tenside aus Protein-Kondensaten (z. B. Potassium
Cocoyl Hydrolyzed Collagen), weil sie auf das Haar aufziehen und
es glätten. Anionische Tenside können in der Regel gut mit
nicht ionischen (neutralen) und amphoteren Tensiden kombiniert werden.
Ein sehr bekanntes anionisches Tensid haben Sie garantiert im Haus:
Seife. Mittlerweile gibt es mit Lathanol® LAL
(Sodium Lauryl Sulfoacetate, kurz SLSA)
und in der Tensidmischung Plantapon® SF
mit Sodium Lauryl Glucose Carboxylat und Sodium Cocoyl Glutamate
pflanzliche anionische Tenside für Selbstrührer, die als
Basistensid fungieren können. Vor allem Plantapon® SF
hat sich als mildes, vielseitiges Tensid erwiesen.
Kationische Tenside, die eine positive Ladung in
ihrem hydrophilen Teil tragen. Diese positive Ladung bewirkt, dass
sich die Tensid-Moleküle an der negativ geladenen Haut- und Haaroberfläche
anlagern (dass Haare elektrisch aufgeladen sein können, kennen
Sie sicher aus dem Alltag: denken Sie an fliegende Haare!). Auf diese
Weise neutralisieren Sie die Ladung, verhindern das Fliegen der Haare,
wirken glättend, erhöhen den Haarglanz und verbessern die
Nasskämmbarkeit
– bis zur nächsten Haarwäsche, denn dieser
Effekt ist nur von kurzer Dauer. Einen Pflegeeffekt weisen kationische
Tenside nicht auf; sie suggerieren nur gepflegtes Haar. Alleine
haben sie keine reinigende Wirkung; aufgrund ihrer bakteriziden (bakterientötenden)
Wirkung werden sie teilweise auch als Konservierungsmittel eingesetzt.
Kationische Tenside gelten als hautreizend und sind im Hinblick auf
ihre biologische Abbaubarkeit kritisch zu sehen; auch das in Selbstrührer-Kreisen
bekannte Incroquat gehört zu dieser Tensid-Gruppe. Ich
muss zugeben, dass ich aus diesen Gründen Incroquat nicht
mehr verwende. Eine mögliche Alternative stellt das ecocertifizierte
und BDIH-konforme TEGO® Amid S 18 (INCI: Stearamidopropyl
Dimethylamine) dar, der »Conditioner Emulsifier« von
Aroma-Zone/Frankreich, in Deutschland bei aleXmo
cosmetics erhältlich.
Amphotere Tenside, die eine negative und positive
Ladung in ihrem hydrophilen Teil tragen; ihre Ladung ist vom pH-Wert
der Lösung abhängig: bei einem pH-Wert von unter 7 sind sie
positiv geladen (kationisch), bei einem pH-Wert über 7 negativ
(anionisch). Die größte Gruppe der amphoteren Tenside gehört
zur Stoffgruppe der Betaine. Sie gelten als haut- und schleimhautverträglich,
biologisch gut abbaubar und besitzen neben einer guten Reinigungs-Wirkung
leicht viskositätserhöhende Eigenschaften. Ihr Schaumbildungsvermögen
ist gut. Daneben wird ihre Fähigkeit geschätzt, irritative
Wirkungen anionischer und kationischer Tenside zu mildern. In industriellen
Produkten werden sie in der Regel als Ko-Tenside verwendet, um die
Gesamtformulierungen hautfreundlicher einzustellen; in naturkosmetischen
Rezepturen spielen sie hingegen eine große Rolle, da dort Hautverträglichkeit,
Ressourcenschonung und biologische Abbaubarkeit wesentliche Kriterien
für Rohstoffe darstellen. In der Produktion sind sie, da ihre
chemische Struktur sehr komplex ist, deutlich teurer als anionische
Tenside. Wir verwenden beispielsweise Kokosbetain
und Sanfteen oder das in der
Tensidmischung Plantapon® SF enthaltene Sodium Cocoamphoacetate.
Nicht ionische (neutrale) Tenside, die keine Ladung
tragen; sie gelten als die hautverträglichsten und mildesten Tenside
auf dem Markt. Viele neutrale Tenside schäumen kaum, eine der
Ausnahmen sind Alkylpolyglucoside, zu denen Kokosglucosid
und Decylglucosid gehört.
Wie amphotere Tenside mildern sie das irritative Potential anionischer
Tenside und lassen die Hautbarriere weitgehend intakt. In Haarpflegeprodukten
optimieren Sie die Kämmbarkeit und Geschmeidigkeit des Haares
durch ihre leichte Substantivität, d. h. sie ziehen leicht
auf die Haaroberfläche auf. Während sie in industriellen
Produkten als Ko-Tensid gelten, die das irritative Potential der anionischen
Tenside mildern (auch aufgrund der hohen Produktionskosten werden sie
dort nur sparsam eingesetzt), spielen sie in naturkosmetischen Rezepturen
eine Hauptrolle.
Im Vergleich zu Emulgatoren ist die Fettlösekraft von Tensiden
ungleich höher: während Emulgatoren im Emulsionen ohne Weiteres
bis zu 10 % eingesetzt werden, wirken Tenside bereits in Einsatzkonzentrationen
von 0,5 % (gerechnet auf die Wassermenge, die man beim Duschen oder
Haarewaschen benötigt).
Basis-Tenside und Ko-Tenside
Grundsätzlich ist es sinnvoll, Basis-Tenside und so genannte Ko-Tenside
zu unterscheiden, da anionische, kationische und andere Tensid-Typen
gezielt gemäß ihrer Wirkungen kombiniert werden. In der Regel
wählt man als Basistensid ein anionisches, in unserem Falle wäre
dies an erster Stelle Plantapon® SF, eine Mischung aus anionischen
und nichtionischen Tensiden, oder alternativ – wenn auch
nicht so mild, SLSA.
Als Ko-Tensid agieren die sehr milden nichtionischen und amphoteren Tenside
wie Kokosbetain, Kokosglucosid und Sanfteen, die pur verwendet schnell
fettende und feine Haare auf Dauer beschweren können; diesen
Effekt kennen viele, die auf Natur-Kosmetik-Shampoos umgestiegen sind
oder sich in eigenen Shampoo-Rezepten versuchen. Ein gutes Shampoo selbst
herzustellen ist tatsächlich nicht leicht. Wer kein Plantapon® SF
oder SLSA verwenden möchte, wählt bei oben genannten Haartypen
ein nichtionisches Tensid mit ausgeprägterer Reinigungskraft (hier
empfehle ich Kokosglucosid oder Decylglucosid) als Basis ihrer Tensidmischung
und ergänzen amphotere Tenside als stärker konditionierende
Ko-Tenside. Bei trockener und spröder Haut sind milde amphotere
und nichtionische Zucker-Tenside (ohne anionische Tenside) wunderbar
geeignet und können in Duschgelen als Basistenside eingesetzt werden.
Viele Selbstrührer geben den Rat, Shampoos zu variieren und abwechselnd
Produkte mit stärker reinigenden und pflegenderen Tensiden einzusetzen.
Gleiches praktiziere ich auch bei meinen Natur-Kosmetik-Shampoos, die
ich bisweilen kaufe. Wenn ich eines längere Zeit verwende, fetten
sie subjektiv empfunden stärker nach, weil sich die aufziehenden
amphoteren Tensidmoleküle mit der Zeit anlagern. Ein Shampoo-Wechsel
mit einer anderen Tensidkomposition kann diesen Effekt ausgleichen.
Einsatzkonzentrationen an »waschaktiven Substanzen«
Die Konzentration an waschaktiven Substanzen in einem Tensid (man bezeichnet
sie mit dem Kürzel
»WAS«) wird in Prozent angegeben. Orientieren Sie sich bei
der Planung Ihrer Rezepte an folgenden empfohlenen Einsatzkonzentrationen
von waschaktive Substanzen (WAS), gerechnet auf das Endprodukt
(dies bedeutet: wir müssen, ausgehend vom WAS-Wert des Tensids,
die konkrete Einsatzmenge in Gramm noch berechnen. Eine konkrete Beispiel-Berechung
finden Sie weiter unten, als bequeme Alternative empfehle ich den
Tensid-Rechner.
Shampoos und Duschgele für normale bis fettige Haut bzw. normales
bis schnell fettendes Haar: WAS-Konzentration von 12–15 %
Shampoos und Duschgele für trockene und sensible Haut bzw. trockenes,
sprödes Haar: WAS-Konzentration von 10–12 %
Gesichtsreinigungspräparate (je nach Hautzustand), Babypflege:
1–3 % (bei Reinigungsmilch wirken die Emulgatoren in höherer
Einsatzkonzentration ebenfalls schmutzlösend, daher ist eine geringe
Dosierung des Tensids ausreichend; in Waschcremes ohne Emulgatoren
und für fettige Haut kann die Dosierung sich an der oberen Grenze
orientieren).
Badezusätze: 20–35 %
Berechung der Tensidmenge mit dem Tensidrechner
Mit dem Tensid-Rechner ist
es möglich, kleine Mengen von z. B. 20 g Shampoo oder
Duschgel anzumischen und zu testen. So ist ein Herantasten an das eigene
»Traum-Shampoo« oder das wunderbarste Duschgel möglich.
Allerdings ist hier eine Feinwaage vorteilhaft.
Berechnung konkret
Sie möchten 100 g Duschgel mit 10 % waschaktiven Substanzen
auf das Gesamtprodukt entwickeln und eine Tensidmischung aus Kokosbetain
(55 %), Kokosglucosid (45 %) und Sanfteen (5 %) verwenden?
Das rechnen Sie dann so:
Bei jeweils alleiniger Verwendung der drei Tenside
würden wir folgende Mengen benötigen, um ihre WAS auf die
gewünschten 10 % zu verdünnen:
Kokosbetain: 100 (g Endprodukt) x 10 (% WAS) geteilt durch 40 (%
WAS des Tensids) = 25 (g Kokosbetain).
Kokosglucosid: 100 (g Endprodukt) x 10 (% WAS) geteilt durch 51 (%
WAS des Tensids) = 19,6 (g Kokosglucosid).
Sanfteen: 100 (g Endprodukt) x 10 (% WAS) geteilt durch 65 (% WAS
des Tensids) = 15,38 (g Sanfteen).
Da wir nur anteilige Mengen und nicht 100 %
eines Tensids benötigen, müssen wir nun die jeweiligen prozentualen
Anteile berechnen:
55 % vom Kokosbetain = 0,55 x 25 (g) = 13,7 gr (aufgerundet:
14 g).
45 % vom Kokosglucosid = 0,45 x 19,6 (g) = 8,8 gr (aufgerundet:
9 g).
5 % vom Sanfteen = 0,05 x 15,38 (g) = 0,76 gr (aufgerundet:
0,8 g).
Ergebnis: Wir benötigen demnach ca. 14 g
Kokosbetain, 9 g Kokosglucosid und 0,8 g Sanfteen, um 100
g Duschgel mit einer 10%igen Konzentration an WAS zu erhalten.
Wenn Ihnen das alles zu aufwändig ist: der Tensid-Rechner nimmt
Ihnen die Arbeit ab.
Was aber brauchen wir für ein sinnvolles Reinigungs-Produkt wie
Shampoos oder ein Duschgel? Der folgende
Beitrag gibt einen Überblick.