Wenn Sie Rezepte nachrühren, werden Sie in der Regel keine außergewöhnlich bösen Überraschungen erleben, da diese erprobt sind und sich im Rühreralltag bewährt haben. In dem Moment, in dem Sie beginnen, eigene Rezepte zu entwickeln, kann es sehr sinnvoll sein, den pH-Wert einer Emulsion im Blick zu behalten. Dieser Beitrag wird erläutern, warum der pH-Wert wichtig für eine hautverträgliche, stabile Rezeptur sein kann und wie sie ihn ggfs. beeinflussen können.
Rein fachlich definiert der Terminus »pH«, wie
hoch die Konzentration an Hydronium-Ionen in einer wässrigen
Lösung
ist (ein Hydronium-Ion ist ein Wassermolekül, an das
sich ein positiv geladenes Wasserstoffkation angelagert hat). »Potentia« ist
das lateinische Wort für
Macht oder Kraft, »hydrogenii« ist
der Genetiv des Wortes Hydrogenium (Wasserstoff),
zusammen bedeutet pH demnach so etwas wie »Kraft
des Wasserstoffs«. Der pH-Wert trifft eine Aussage
darüber, wie sauer oder basisch (alkalisch) eine wässrige
Lösung ist.
Reines Wasser hat pH-Wert 7, ist demnach pH-neutral und
liegt auf der Gesamtskala zwischen 0 (Säure) und 14
(Lauge) in der Mitte. Wenn wir Emulsionen rühren, bestimmen
die Rohstoffe, in welchem pH-Wert sich die Gesamt-Rezeptur
befindet. Anzustreben ist ein pH-hautneutraler Bereich,
da dieser dem Milieu der Haut am meisten entspricht. Sie
haben sicher schon einmal die Begriffe »pH-neutral« oder »pH-hautneutral«
gelesen. Oft werden diese Begriffe für Kosmetika verwendet, um
deren Hautfreundlichkeit und Verträglichkeit zu betonen.
Tatsächlich weist unsere Haut – je nach
Körperregion – einen pH-Wert zwischen
4,5 und 6,9 auf (5,5 wird häufig als hautoptimaler pH-Wert
genannt), liegt also in einem leicht sauren Bereich. Dieser
saure pH-Wert-Bereich bewirkt u. a., dass vorhandene
Mikroorganismen sich nicht so leicht vermehren können;
der Terminus »Säureschutzmantel« zielt
genau auf diesen Sachverhalt. Für uns Selbstrührer
bedeutet dies: der pH-Wert unserer Emulsionen zur
unterstützenden Hautpflege gesunder Haut sollte
sich normalerweise in diesem Wertebereich bewegen.
Ein weiterer Grund, eine Emulsion in diesem Bereich »einzustellen«,
ist, dass ein pH-Wert, der deutlich außerhalb dieser
Zone sauren oder basischen Bereich liegt, die Stabilität
der Emulsion negativ beeinflussen kann: Wasser- und Fettphase
trennen sich, Wirkstoffe zerfallen nach wenigen Tagen und, ganz
wichtig (!): Konservierungsmittel wie Rokonsal™ BSB-N
und Kaliumsorbat verlieren ihre Wirksamkeit.
Es ist wichtig zu wissen, dass verschiedene Substanzen einen
bestimmten pH-Wert benötigen, während andere dahin
gehend anspruchslos sind. Jeder Emulgator z. B. hat
seinen Bereich, in dem er die besten Ergebnisse bringt, und
manche sind empfindlicher als andere, was eine Verschiebung
des pH-Werts in eine bestimmte Richtung betrifft (wie z. B.
Tegomuls® oder Glycerinstearat SE). Ich empfehle Ihnen,
gerade bei neuen Rezepturen, den pH-Wert zu prüfen und ggfs.
optimal einzustellen. Harnstoff beispielsweise neigt, insbesondere
bei Wärme,
zur Hydrolyse und zersetzt sich – erkennbar
am deutlichen Ammoniakgeruch. Er mag einen pH-Wert von ca.
6,2. Mit etwas Milchsäure und
Natriumlaktat (2 %)
können Sie die Emulsion »puffern«. Gleiches
gilt bei der Auswahl des Emulgators. Die Emulgatorportraits und
die Emulgatortabelle geben
erste Orientierung und helfen Ihnen, stabile Emulsionen zu
erzeugen.
Nun verwenden wir Wirkstoffe, die selbst deutlich sauer oder
basisch sind und den pH-Wert einer Emulsion dadurch in eine
bestimmte Richtung verändern. Die folgende Grafik (Abbildung
1) zeigt für bekannte Roh- und Wirkstoffe, welchen pH-Wert
sie durchschnittlich aufweisen (alle Werte entsprechen Angaben
aus Hersteller-Datenblättern, die in der Regel eine Lösung
einer definierten Menge des Stoffes in Wasser als Messgrundlage
nehmen, und eigenen Messungen mit einem digitalen pH-Meter):

Um den pH-Wert zuverlässig zu messen, gibt es verschiedene Systeme auf dem Markt: Sie können pH-Indikatorpapier (siehe Abbildung 2) kaufen, bei denen ein Stück des Papiers in die Substanz getunkt oder mit ihr bestrichen wird und dann entsprechend des pH-Werts eine Farbe annimmt. Im Vergleich mit einem Farbstreifen lässt sich der pH-Wert einschätzen. Dieses Verfahren ist unkompliziert, für Selbstrührer(innen) ist die Genauigkeit absolut ausreichend. Sehr günstig (auch mit Porto gerechnet) erhalten Sie z. B. unten abgebildetes Universal-pH-Indikatorpapier (5m-Rolle) von pH 1–11 bei Pro Naturprodukte.

Im Aquaristik- oder Laborbedarfbereich gibt es pH-Indikatorstäbchen.
Sie sind etwas praktischer im Umgang als das Indikatorpapier,
arbeiten jedoch nach dem gleichen Prinzip. Auch hier wird
die Färbung des Streifens mit einer Farbskala verglichen.
Sie sind im Allgemeinen etwas teurer als das Indikatorpapier.
Ab ca. 40 Euro erhalten Sie ein digitales pH-Meter (siehe
Abbildung 3). Es ermöglicht eine für unsere Zwecke
gute Einschätzung
des pH-Werts. Allerdings bedarf es der Pflege, muss hin
und wieder (z. B. nach jeder 10. Messung) in einer
pH-neutralen Flüssigkeit kalibiriert und die Mess-Spitze
nach jeder Messung kurz mit destilliertem Wasser gesäubert
werden. Ich verwende
dieses Gerät.

Zwei Substanz-Gruppen (man nennt sie auch Puffersubstanzen oder
pH-Regulatoren) helfen Ihnen, bei Bedarf einen hautfreundlichen
pH-Wert einzustellen: Säuren und Basen. Im kosmetischen
Bereich haben sich für Selbstrührer vor allem 80%ige
Milchsäure
(Lactic Acid) und das u. a. unter den Namen »Kaiser-Natron« oder »Bullrich-Salz«
bekannte Natrium-Hydrogenkarbonat bewährt (bitte
kein Waschsoda kaufen, das ist nicht für kosmetische Zwecke
geeignet!). Beide werden tropfenweise in die handwarme Emulsion
gegeben – Vorsicht, der pH-Wert verändert sich
sehr schnell! Geben Sie wirklich
erst einmal einen Tropfen dazu.
Milchsäure erhalten Sie bereits als Flüssigkeit und ist in einer Flasche mit
Tropfverschluss sehr gut zu dosieren. Sie wirkt, wie der Name schon sagt, als Säure.
Das basisch wirkende pH können Sie in 5%iger Konzentration in destilliertem Wasser lösen (eventuell filtern, um ungelöste Restpartikel zu entfernen) und 20 % vol. mit Weingeist konservieren. Hier sind zwei Mischungsbeispiel für jeweils ein 20 ml-Pipettenfläschchen, aus denen es sich gut dosieren lässt: