Eberhard Heymann, Haut, Haar und Kosmetik. Verlag Hans Huber 2003
Mariani Rajin u. a.: Optimisation of Natural Ingredient Based Lipstick Formulation by Using Mixure Design.
In: Journal of Applied Sciences 7 (15): 2099–2103. 2007
1883 war sein Geburtsjahr: anlässlich der Weltausstellung in Amsterdam präsentierten zwei
Franzosen den ersten, auf Basis von Hirschtalg, Bienenwachs und Rizinusöl gefertigten, in Seidenpapier eingewickelten
Lippenstift. Der zunächst als frivol verpönte »Stylo d'Amour« begann jedoch
erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit Verbreitung der ersten Filme gesellschaftsfähig
zu werden, als Frauen begannen, den Stil der Filmdiven schminktechnisch zu imitieren.
Den Durchbruch erlebte der Lippenstift in Deutschland 1948 durch die ersten Hülsen mit
Schiebevorrichtungen aus den USA; seitdem ist sein Siegeszug unaufhaltsam.
Die perfekte Optik käuflicher Lippenstifte lässt kaum vermuten,
dass sie sich hervorragend selbst herstellen lassen – und
das in einer Qualität, die den Vergleich mit bekannten Natur-Kosmetik-Marken nicht scheuen muss,
wie oben abgebildeter Lippenstift zeigt.
Im Folgenden erfahren Sie, aus welchen natürlichen
Ingredienzen ein pflegender Lippenstift besteht und wie Sie Ihren persönlichen
»Traum-Lippie« konzipieren können. Das Geheimnis einer
guten Formulierung ist eine ausgewogene Komposition, die Stabilität,
Pflegeeigenschaften und ausreichende Haftfähigkeit vereint. Eine
sehr
cremig-pflegende Lippenstift-Formulierung finden
Sie bei den Rezepten.
I Die Theorie: Ingredienzien und ihre Funktionen
Die Ingredienzen für einen naturkosmetischen Lippenstift sind erfreulich überschaubar.
Sie benötigen im Wesentlichen folgende:
a) 50–60 % Öle
(Schmelzpunkte: bei 20 °C flüssig)
Das Basisöl eines jeden Lippenstifts ist Rizinusöl
(Rizinus communis L.). Es ist ein zähflüssiges, höherviskoses,
farb- und geschmackloses Öl mit dezentem Duft und einem hohen Penetrationsvermögen.
Es eignet sich hervorragend zur Vordispergierung von Pigmentmischungen, da es diese ausgezeichnet
benetzt, und gibt dem Lippenstift Haftung und Glanz; außerdem stabilisiert es die Pigmente
durch seine hohe Viskosität und verhindert ihre Sedimentation. Sein Mengenanteil in
Lippenstift-Formulierungen liegt zwischen 30 und 50 %.
Ergänzen Sie ein, eventuell zwei weitere pflegende und stabile Öle; eines davon sollte ein
oxidationsstabiles flüssiges Wachs wie Jojobaöl sein (alternativ
Meadowfoamöl), ein weiteres kann auf Wunsch Kokosöl oder
Avocadoöl (raffiniert) sein; auch Mandel- oder Aprikosenkernöl sind
gut geeignet. Sie erhöhen den Pflegefaktor und bestimmen die Weichheit
und den Glanz des Stifts: ein höherer Ölanteil erhöht die Streichfähigkeit, macht die Farbe
jedoch auch weniger haltbar. 10–20 % sind empfehlenswert. Tipp: Verwenden Sie ein Pflanzenmazerat,
z. B. Vanille; es schenkt dem Lippenstift einen sehr dezenten und angenehmen Duft.
b) 5–15 % konsistenzgebende Fette
(Schmelzpunkte: 30–40 °C)
Sehr pflegende Substanzen sind leicht konsistenzgebende Fette wie Sheabutter
oder andere pflanzliche Buttern. Sie müssen zwar nicht zwingend enthalten sein, da sie den
Schmelzpunkt des Lippenstifts nicht wesentlich erhöhen, enthalten jedoch weichmachende Fettsäuren
(sie wirken als so genannte Emollentien) und einen geringen Anteil unverseifbare Fettbegleitstoffe.
Außerdem befinden Sie sich im mittleren Schmelzbereich der gesamten Fettbasis, erhöhen die »Cremigkeit«
der Formulierung und fördern ein »softes« Hautgefühl beim Auftrag. Erhöhen
Sie alternativ den Bienenwachsanteil, wenn sie auf diese Funktionsgruppe verzichten wollen; pflegender
und geschmeidiger wird der Lippenstift zweifellos mit Shea- oder anderen Buttern.
c) 10–15 % pflanzliche Wachse und Bienenwachs
(Schmelzpunkte: 65–85 °C)
Damit ein Lippenstift formstabil bleibt und erst bei Hautkontakt
schmilzt, benötigt eine gute
Formulierung Wachse mit höherem Schmelzpunkt. Carnaubawachs ist
das härteste
pflanzliche Wachs mit einem Schmelzpunkt um die 85 °C, Candelillawachs liegt
mit 75 °C leicht darunter. Dosieren Sie beide jeweils um die
3–5 %. Bienenwachs (65 °C) erhöht den Schmelzpunkt
geringer; seine Funktion ist primär
Konsistenzerhöhung und seine leicht emulgierende Wirkung, die das
Haftvermögen der Pigmente fördert. Seine
Einsatzkonzentration liegt um die 10–15 % (falls Sie auf konsistenzgebende
Fette (siehe b) verzichten, kann er durchaus 20 % und mehr betragen).
Eine vegane Alternative ist Beerenwachs (INCI: Rhus
Verniciflua Peel Wax) mit einem Schmelzpunkt um die 52 °C;
es kann den Bienenwachsanteil ersetzen, muss aber höher
dosiert werden (entsprechend geringer fällt der Ölanteil aus). Viele
schätzen seine Konsistenz als weniger klebrig und wachsig im Vergleich
zu Bienenwachs.
Je höher der Wachsanteil (vor allem der harten Wachse wie Carnauba-,
aber auch Candelillawachs), desto länger hält der Lippenstift,
wird jedoch gleichzeitig härter, spröder und in der Anwendung
als weniger pflegend empfunden. Empfehlenswert ist die Kombination von
Bienenwachs (alternativ Beerenwachs)
plus Candelilla- plus Carnaubawachs, um eine optimale
Kombination aus Schmelzverhalten
und Festigkeit zu erzielen.
d) 5–10 % lipophile Emulgatoren
Die Haftfähigkeit des Lippenstifts wird durch den Zusatz lipophiler
Emulgatoren gefördert.
Bienenwachs als leichten Koemulgator habe ich schon genannt; besonders
empfehlenswert ist Lanolin
(aufgrund seiner Klebrigkeit bevorzugt nicht höher als 5 %
dosieren); alternativ finden auch
Cetylpalmitat,Cetylalkohol, Glycerolmonostearat
(nicht selbstemulgierend), Lecithin oder W/O-Emulgatoren
wie Olivem® 900 bzw. Emulpharma® 90
Verwendung. Wenn Sie kein Lanolin verwenden möchten, empfehle ich
Ihnen einen Zusatz an Unverseifbarem
der Avocado (UdA, gerechnet auf den Öl- oder Butteranteil)
von 3 %, weil es einen ausgesprochen
heilenden und pflegenden Charakter aufweist.
e) 5–20 % Pigmente
Seinen Charakter erhält der Lippenstift durch die Pigmente. Hier gilt es, sich an die eigene Mischung
und gewünschte Deckkraft heranzutasten. Als Orientierung gilt:
Titandioxid erhöht die Deckkraft und hellt Pigmentmischungen ins Pastellige auf, gleichzeitig
wirkt es als UV-Schutz.
Farbpigmente selbst können gemäß ihres Anteils farbig transparente bis
kräftige Formulierungen erzeugen. Die Farbintensität wird stark durch die Pigmentgröße
bestimmt: je kleiner die Pigmente (bevorzugt 5 nm), desto weniger benötigen wir für ein stark
färbendes Ergebnis und desto höher ist der erzielbare Glanz, da ein hoher Pigmentanteil mattierend
(und trockener) wirkt. Perlglanzpigmente gleichen diesen Verlust geringfügig aus, erreichen jedoch nicht den
oft gewünschten »Wet Look«. Leider ist die Deklaration der Pigmente bei den Händlern in aller
Regel schlecht (viele führen nicht einmal die Colour Index-Nummer C.I. auf), und so können die
Partikelgrößen durchaus abweichen – und damit das Färbeergebnis.
f) Zusätze
Auf Wunsch können dem Lippenstift pflegende oder oxidationsstabilisierende
Ingredienzen zugesetzt werden. Sinnvoll sind Panthenol, das stabile
Tocopherol-Acetat (jeweils 1 Tropfen) und Gamma-Oryzanol.
Verzichten sollten Sie auf Honig- oder Schokoladen-Zusatz, der hin
und wieder in Selbstrührer-Rezepten auftaucht;
der ständige Kontakt mit dem Mundraum fördert Karies. Honig
sollte als heilende Komponente zeitlich befristeten Heilanwendungen
vorbehalten sein.
II Die Praxis: Herstellung
Wenn Sie Ihre bevorzugte Lippenstift-Formulierung gefunden haben, lohnt sich die Herstellung der Grundmasse minus
dem Anteil Rizinusöl zur Vordispergierung der Pigmente (vielleicht für 4 Lippenstifte, also ca.
20–25 gr) und ihre kühle Lagerung. Bei Bedarf müssen Sie dann nur noch Pigmente mit dem entsprechend
fehlenden Anteil Rizinusöl dispergieren, beide Massen im Wasserbad entsprechend temperieren und den Lippenstift gießen.
Rechnen Sie den Anteil an Rizinusöl zu den Pigmenten im Verhältnis 1:2 bis (noch besser) 1:3, damit die Pigmentpaste
fließfähig und gut einzuarbeiten ist.
Auch ihre bevorzugten Farbmischungen können Sie notieren und auf Vorrat mischen. Eine kleine Auswahl an Farbnuancen ist
in Arbeit und wird Ihnen eine Orientierung geben. Wichtig ist eine gute Mischung der Pigmente vor Dispergierung, z. B.
durch ein mehrmaliges Streichen mit der Rückseite eines Löffels durch ein sehr feinmaschiges Sieb (für
kleine Mengen und Probemischungen optimal). Auf diese Weise verbinden sich die Pigmente streifenfrei und homogen mit dem Titandioxid.
Da Perlglanzpigmente nicht gemörsert werden dürfen, empfiehlt sich diese Vorgehensweise für alle notwendigen Mischungen.
Die Herstellung eines Lippenstifts ist – bis auf die Erfordernisse der jeweiligen
Gießform – identisch:
Pigmente mit Rizinusöl bevorzugt mit einem dünnen Glasstab zu einer geschmeidigen, homogenen
Farbpaste dispergieren; ebenfalls später ins Wasserbad stellen und erwärmen (Grund: beim späteren Zusammengießen
sollen die Wachse der Fettbasis nicht sofort härten und inhomogen werden).
Fettbasis aus allen Wachsen, Ölen und lipophilen Emulgatoren in einem Becherglas aufschmelzen, homogen verrühren.
Farbpaste in die Fettbasis geben, gut dispergieren, Becherglas aus dem Wasserbad nehmen und noch ca. eine Minute rühren.
Nun eventuell gewünschte Zusätze (Panthenol, Tocopherol) hinzugeben, gut verrühren.
Nun zügig in die vorher mit einem niedrigviskosen Öl (sehr gut geeignet ist das oxidationsstabile,
geruchslose Squalan) gefetteten Form gießen und diese sofort ins Tiefkühlfach geben (bei der Silikonform ist
Einfetten nicht notwendig).
Form eine Stunde härten lassen; herausnehmen, Stift gemäß der verwendeten Form entfernen und in eine
Lippenstifthülse setzen.
Auf Wunsch folgt das Finish: Stift kurz mit einem Fön rundherum anflämmen, sprich leicht anschmelzen.
Das erhöht den Glanz und die optische Homogenität des Lippenstifts.
Eine Vorstellung der auf dem Markt befindlichen Gießformen finden Sie
in diesem Beitrag.