Im Frühjahr 2012 wird mein neues Buch erscheinen: Das Handbuch kombiniert verständlich
aufbereitete Theorie mit fundierter Herstellungspraxis und lädt mit über 100 Naturkosmetikrezepten
zum Nachrühren und Selbstentwickeln ein. Sie können es bereits beim
Verlag oder bei Amazon vorbestellen.
So gut kann er aussehen: ein selbst hergestellter Lippenstift auf Basis
pflanzlicher Öle. Die Gießform aus Silikon gibt es bei Aroma-Zone.
1883 war sein Geburtsjahr: anlässlich der Weltausstellung in Amsterdam
präsentierten zwei Franzosen den ersten, auf Basis von Hirschtalg, Bienenwachs
und Rizinusöl gefertigten, in Seidenpapier eingewickelten Lippenstift. Der
zunächst als frivol verpönte »Stylo d'Amour« begann jedoch
erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit Verbreitung der ersten Filme
gesellschaftsfähig zu werden, als Frauen begannen, den Stil der Filmdiven
schminktechnisch zu imitieren. Den Durchbruch erlebte der Lippenstift in Deutschland
1948 durch die ersten Hülsen mit Schiebevorrichtungen aus den USA; seitdem ist
sein Siegeszug unaufhaltsam.
Die perfekte Optik käuflicher Lippenstifte lässt kaum vermuten,
dass sie sich hervorragend selbst herstellen lassen – und
das in einer Qualität, die den Vergleich mit bekannten Natur-Kosmetik-Marken
nicht scheuen muss, wie oben abgebildeter Lippenstift zeigt.
Im Folgenden erfahren Sie, aus welchen natürlichen
Ingredienzen ein pflegender Lippenstift besteht und wie Sie Ihren persönlichen
»Traum-Lippie« konzipieren können. Das Geheimnis einer
guten Formulierung ist eine ausgewogene Komposition, die Stabilität,
Pflegeeigenschaften und ausreichende Haftfähigkeit vereint. Eine sehr
cremig-pflegende Lippenstift-Formulierung
finden Sie in meinen Rezepten.
I Die Theorie: Ingredienzien und ihre Funktionen
Die Ingredienzen für einen naturkosmetischen Lippenstift sind erfreulich überschaubar.
Sie benötigen im Wesentlichen folgende:
a) 50–60 % Öle
(Schmelzpunkte: bei 20 °C flüssig)
Das Basisöl eines jeden Lippenstifts ist Rizinusöl
(Rizinus communis L.). Es ist ein zähflüssiges, höherviskoses,
farb- und geschmackloses Öl mit dezentem Duft und einem hohen Penetrationsvermögen.
Es eignet sich hervorragend zur Vordispergierung von Pigmentmischungen, da es diese ausgezeichnet
benetzt, und gibt dem Lippenstift Haftung und Glanz; außerdem stabilisiert es die Pigmente
durch seine hohe Viskosität und verhindert ihre Sedimentation. Sein Mengenanteil in
Lippenstift-Formulierungen liegt zwischen 30 und 50 %.
Ergänzen Sie ein, eventuell zwei weitere pflegende und stabile Öle; eines davon sollte ein
oxidationsstabiles flüssiges Wachs wie Jojobaöl sein (alternativ
Meadowfoamöl), ein weiteres kann auf Wunsch Kokosöl
oder Avocadoöl (raffiniert) sein; auch Mandel- oder Aprikosenkernöl
sind gut geeignet. Sie erhöhen den Pflegefaktor und bestimmen die Weichheit und den Glanz
des Stifts: ein höherer Ölanteil erhöht die Streichfähigkeit, macht die Farbe
jedoch auch weniger haltbar. 10–20 % sind empfehlenswert. Tipp: Verwenden Sie ein
Pflanzenmazerat, z. B. Vanille; es schenkt dem Lippenstift einen sehr dezenten und angenehmen Duft.
b) 5–15 % konsistenzgebende Fette
(Schmelzpunkte: 30–40 °C)
Sehr pflegende Substanzen sind leicht konsistenzgebende Fette wie Sheabutter
oder andere pflanzliche Buttern. Sie müssen zwar nicht zwingend enthalten sein, da sie den
Schmelzpunkt des Lippenstifts nicht wesentlich erhöhen, enthalten jedoch weichmachende Fettsäuren
(sie wirken als so genannte Emollentien) und einen geringen Anteil unverseifbare Fettbegleitstoffe.
Außerdem befinden Sie sich im mittleren Schmelzbereich der gesamten Fettbasis, erhöhen die
»Cremigkeit« der Formulierung und fördern ein »softes« Hautgefühl
beim Auftrag. Erhöhen Sie alternativ den Bienenwachsanteil, wenn sie auf diese Funktionsgruppe
verzichten wollen; pflegender und geschmeidiger wird der Lippenstift zweifellos mit Shea-
oder anderen Buttern.
c) 10–15 % pflanzliche Wachse und Bienenwachs
(Schmelzpunkte: 65–85 °C)
Damit ein Lippenstift formstabil bleibt und erst bei Hautkontakt schmilzt, benötigt
eine gute Formulierung Wachse mit höherem Schmelzpunkt. Carnaubawachs
ist das härteste pflanzliche Wachs mit einem Schmelzpunkt um die 85 °C,
Candelillawachs liegt mit 75 °C leicht darunter. Dosieren Sie
beide jeweils um die 3–5 %. Bienenwachs (65 °C) erhöht den Schmelzpunkt geringer; seine
Funktion ist primär Konsistenzerhöhung und seine leicht emulgierende Wirkung,
die das Haftvermögen der Pigmente fördert. Seine Einsatzkonzentration liegt um
die 10–15 % (falls Sie auf konsistenzgebende Fette (siehe b) verzichten, kann
er durchaus 20 % und mehr betragen).
Eine vegane Alternative ist Beerenwachs (INCI: Rhus Verniciflua Peel Wax)
mit einem Schmelzpunkt um die 48–54 °C; es kann den Bienenwachsanteil ersetzen,
muss aber höher dosiert werden (entsprechend geringer fällt der Ölanteil aus).
Viele schätzen seine Konsistenz, die im Vergleich zu Bienenwachs weniger wachsig und
trockener wirkt. Weitere wachsartige Konsistenzgeber sind Cetylpalmitat, Cetylalkohol und
Glycerolmonostearat.
Je höher der Anteil an Wachsen, desto länger hält der Lippenstift, wird jedoch
gleichzeitig härter, spröder und in der Anwendung als weniger pflegend empfunden.
Empfehlenswert ist die Kombination von Bienenwachs (alternativ Beerenwachs) plus
Candelilla- plus Carnaubawachs, um eine optimale Kombination aus Schmelzverhalten
und Festigkeit zu erzielen.
Wachse zeigen gleichzeitig Einfluss auf den Glanz eines Lippenstifts: während das weiche
Bienenwachs eher matt wirkt, ergeben härtere Wachse mehr klaren Glanz.
d) 5–10 % lipophile Emulgatoren
Die Haftfähigkeit des Lippenstifts wird durch den Zusatz lipophiler Emulgatoren
gefördert. Bienenwachs als leichten Koemulgator habe ich schon genannt; besonders
empfehlenswert ist Lanolin (aufgrund seiner Klebrigkeit bevorzugt nicht
höher als 5 % dosieren), Lecithine oder W/O-Emulgatoren wie
Olivem® 900 bzw. Emulpharma® 90 Verwendung. Wenn Sie
kein Lanolin verwenden möchten, empfehle ich Ihnen einen Zusatz an Unverseifbarem
der Avocado (UdA, gerechnet auf den Öl- oder Butteranteil) von 3 %, weil es
einen ausgesprochen heilenden und pflegenden Charakter aufweist.
e) 5–20 % Pigmente
Seinen Charakter erhält der Lippenstift durch die Pigmente. Hier gilt es, sich an die
eigene Mischung und gewünschte Deckkraft heranzutasten. Als Orientierung gilt:
Titandioxid erhöht die Deckkraft und hellt Pigmentmischungen ins
Pastellige auf, gleichzeitig wirkt es als UV-Schutz.
Farbpigmente selbst können gemäß ihres Anteils farbig
transparente bis kräftige Formulierungen erzeugen. Die Farbintensität wird stark
durch die Pigmentgröße bestimmt: je kleiner die Pigmente (bevorzugt 5 nm),
desto weniger benötigen wir für ein stark färbendes Ergebnis und desto höher
ist der erzielbare Glanz, da ein hoher Pigmentanteil mattierend (und trockener) wirkt.
Perlglanzpigmente gleichen diesen Verlust geringfügig aus, erreichen jedoch nicht den
oft gewünschten »Wet Look«. Leider ist die Deklaration der Pigmente bei den
Händlern in aller Regel schlecht (viele führen nicht einmal die Colour Index-Nummer
C.I. auf), und so können die Partikelgrößen durchaus abweichen –
und damit das Färbeergebnis.
f) Zusätze
Auf Wunsch können dem Lippenstift pflegende oder oxidationsstabilisierende Ingredienzien
zugesetzt werden. Sinnvoll sind u. a. lipidstabilisierendes Tocopherol (jeweils 1 Tropfen)
und UV-schützendes, antioxidativ wirkendes Gamma-Oryzanol. Verzichten sollten Sie auf Honig-
oder Schokoladen-Zusätze, die hin und wieder in Selbstrührer-Rezepten auftauchen; der
ständige Kontakt mit dem Mundraum fördert Karies. Honig sollte als heilende Komponente
zeitlich befristeten Heilanwendungen vorbehalten sein.
II Die Praxis: Herstellung
Wenn Sie Ihre bevorzugte Lippenstift-Formulierung gefunden haben, lohnt sich die Herstellung
der Grundmasse minus dem Anteil Rizinusöl zur Vordispergierung der Pigmente (vielleicht
für 4 Lippenstifte, also ca. 20–28 gr) und ihre kühle Lagerung. Bei Bedarf
müssen Sie dann nur noch Pigmente mit dem entsprechend fehlenden Anteil Rizinusöl dispergieren,
beide Massen im Wasserbad entsprechend temperieren und den Lippenstift gießen. Rechnen Sie den Anteil
an Rizinusöl zu den Pigmenten im Verhältnis 1:2 bis (noch besser) 1:3, damit die Pigmentpaste
fließfähig und gut einzuarbeiten ist.
Auch ihre bevorzugten Farbmischungen können Sie notieren und auf Vorrat mischen. Wichtig ist
eine gute Mischung der Pigmente vor Dispergierung, z. B. durch ein mehrmaliges Streichen mit
der Rückseite eines Löffels durch ein sehr feinmaschiges Sieb (für kleine Mengen und
Probemischungen optimal). Auf diese Weise verbinden sich die Pigmente streifenfrei und homogen mit
dem Titandioxid. Da Perlglanzpigmente nicht gemörsert werden dürfen, empfiehlt sich diese
Vorgehensweise für alle notwendigen Mischungen.
Die Herstellung eines Lippenstifts ist – bis auf die Erfordernisse der jeweiligen
Gießform – identisch:
Pigmente mit Rizinusöl bevorzugt mit einem dünnen Glasstab zu einer geschmeidigen,
homogenen Farbpaste dispergieren; ebenfalls später ins Wasserbad stellen und erwärmen
(Grund: beim späteren Zusammengießen sollen die Wachse der Fettbasis nicht sofort härten
und inhomogen werden).
Fettbasis aus allen Wachsen, Ölen und lipophilen Emulgatoren in einem Becherglas aufschmelzen,
homogen verrühren.
Farbpaste in die Fettbasis geben, gut dispergieren, Becherglas aus dem Wasserbad nehmen und
noch ca. eine Minute rühren. Nun gewünschte Zusätze (Tocopherol) hinzugeben, gut
verrühren.
Nun zügig in die vorher mit einem niedrigviskosen Öl (sehr gut geeignet ist das
oxidationsstabile, geruchslose Squalan) gefettete Form gießen und diese sofort ins
Tiefkühlfach geben (bei der Silikonform ist Einfetten nicht notwendig).
Form eine Stunde härten lassen; herausnehmen, Stift gemäß der verwendeten
Form entfernen und in eine Lippenstifthülse setzen.
Auf Wunsch folgt das Finish, allerdings ist dies selten notwendig: Stift kurz mit einem
Fön rundherum anflämmen, sprich leicht anschmelzen. Das erhöht den Glanz und die
optische Homogenität des Lippenstifts.
Eine Vorstellung der auf dem Markt befindlichen Gießformen finden Sie
in diesem Beitrag.
Quellenangaben und weiterführende Informationen
Eberhard Heymann, Haut, Haar und Kosmetik. Verlag Hans Huber 2003
Mariani Rajin u. a.: Optimisation of Natural Ingredient Based Lipstick Formulation by
Using Mixture Design. In: Journal of Applied Sciences 7 (15): 2099–2103. 2007