Persönliches
Schreiben Sie einen Kommentar

Meine Rührbiographie

Meine persönlichen Kosmetikprodukte: Ein Stück Rührbiographie

Viele der Frauen, die mir schreiben, erzählen mir ihre Rührbiographie, die der meinen oft sehr ähnlich ist: Manche haben mit Stephanie Faber begonnen, andere fanden ihren Einstieg in den 1980ern durch das damals völlig neue Konzept von Jean Pütz und seiner Hobbythek. Hier können Sie meine ganz persönliche Rührbiographie nachvollziehen.

Das Herstellen von Naturkosmetik in der heimischen Rührküche heute hat sich im Vergleich zu früher verändert. Es ist moderner geworden, fundierter, informierter. Komplexer, ja, vermutlich auch das, auch durch den Anspruch, nicht nur »mal eine Creme zu rühren«, sondern eine, die der Haut gut tut und sie in ihrer Physiologie unterstützt. Stärkster Motor dieses »modernen Rührens« war unzweifelhaft Olionatura.de: Seit dem erstmaligen Launch der Webseite im Herbst 2006 haben die dort bis heute kostenlos verfügbaren Informationen sehr viele Menschen – so spiegeln mir unzählige E-Mails – auf dem Weg zu ihrer individuellen Hautpflege begleitet. Was Sie heute dort lesen können, ist die Dokumentation meines persönlichen, langen und lebendigen Lernprozesses und des Begreifens von Zusammenhängen.

In diesem Beitrag möchte ich Ihnen meine indiviuelle Rührbiographie und damit auch den Weg von OLIONATURA  nachvollziehbar werden lassen.

DIY-Kosmetik-Impressionen

 

1978 // Stephanie Faber

1978, ich war 15 Jahre jung, fiel mir bei einem Besuch in der Stadtbibliothek ein Buch von Stephanie Faber in die Hände: »Das Rezeptbuch für Natur-Kosmetik«. Kosmetik selbst herstellen? Mir schien dieses Buch wie eine Tür in eine neue Welt, und ich versuchte mich mit Begeisterung, wenig Wissen und (leider) noch weniger Erfolg an meinen ersten kosmetischen Produkten. Die gerührte Kampfercreme war keine Offenbarung: Schwer und wachsig lag sie wie ein Film auf der Haut – und bescherte mir im Überfluss das, was sie eigentlich mindern sollte: Unreinheiten.

Meine schönste Erinnerung an diese erste Zeit damals ist eine Schüttellotion aus Mandelöl und Rosenwasser aus der Apotheke – sie roch göttlich nach Marzipan und machte zarte und rosige Haut (auch wenn, wie ich heute weiß, das Rosenwasser garantiert kein echtes Hydrolat und das Mandelöl raffiniert war). Zumindest war das Produkt durch das Rosenwasser nach DAB ausreichend konserviert, und so blieb die Lotion mikrobiell stabil – von solchen Dingen hatte ich damals keine Ahnung.

Wie dem auch sei: Ich beschränkte mich geläutert auf einfache Rezepte wie Gesichtsmasken und Haarspülungen auf Kräuterbasis – zumal es damals schwierig war, die gewünschten Zutaten zu beschaffen – und kaufte fortan meine »Naturkosmetik für jeden Tag«  im Reformhaus.

1980er // Die Hobbythek

In den 1980ern kam er: Jean Pütz und seine »Hobbythek®«: Endlich gab es eine breite Palette an Inhaltsstoffen »nebenan« zu kaufen. Für mich bot das Konzept der Hobbythek® eine neue Chance zum »ernsthaften« Einstieg in die DIY-Kosmetik. Leider währte meine Begeisterung nicht lange. Möglicherweise lag es daran, dass ich vielen Zutaten nicht recht traute und das Gefühl hatte, erneut einen kommerziellen Markt zu bedienen? Zu wenig native pflanzliche Öle und Buttern, zu viele isolierte Wirkstoffe, Fluids und Substanzen, bei denen damals für den Verbraucher nicht nachzuvollziehen war, welche Handelsprodukte wirklich dahinter stecken – mich schreckte diese Fülle an unbekannten Rohstoffen damals vermutlich vergleichbar ab wie manch Interessierte heute. Hinzu kam, dass mich die Haptik der wenigen Cremes, die ich ausprobierte, nicht überzeugen konnte: Filmbildend, trocken, »unelegant«.

Fakt ist, dass ich das Hobbythek®-Konzept nur kurz streifte und enttäuscht hinter mir ließ. Die Jahre darauf waren, im Rückblick betrachtet, mein »rührtechnischer Dornröschenschlaf«. Haarspülungen auf Kräuterbasis, Gesichtsdampfbäder, Tonerdemasken, reine Ölmischungen stellten bis 2004 in etwa das Repertoire an selbst hergestellter Naturkosmetik, im Prinzip das, was heute als »Glow« und »grüne Kosmetik« vermarktet wird. Alles andere – der größte Teil – wurde wie jeher gekauft.

2004 // Zaghafter Neubeginn

2004 endete dieser Dornröschen-Schlaf durch ein Schlüsselerlebnis: Mit dem Umstieg auf pflanzliche Haarfarben. Innerhalb weniger Monate wurde aus meinem (von blondierten Strähnchen)  spröde, glanzlos und störrig gewordenen Haarschopf ein schimmernder, gesunder und frisierwilliger. Diese überzeugende Wirkung reiner Naturprodukte beeindruckte mich absolut. Die Preise meiner Gesichtspflege-Präparate aus einer Natur-Kosmetik-Serie beeindruckten mich allerdings auch – und ich fragte mich 2005, ob ich nicht einen neuen Versuch starten solle, meine eigene Naturkosmetik herzustellen. Konsequent. So, dass sie Kaufkosmetik ersetzen kann.

Die ersten, nach dieser langen Pause ausprobierten Rezepte einer privaten DIY-Kosmetik-Webseite brachten Ernüchterung: Mit 7–10 % Emulgator konzipiert lagen sie wie ein wachsiger, stumpfer Film auf der Haut und ließen jegliche haptische Eleganz vermissen. Das war state of the art 2005? Ich war enttäuscht und fasste daraufhin den Entschluss, das Handwerk der Kosmetikherstellung von Grund auf und von Menschen zu lernen, die dies beruflich machen – um aus diesen Erkenntnissen Lösungen für meine Rührküche zuhause zu finden.

Meine ersten Recherchen zielten damals auf ein Konzept für den Ersatz meines geliebten Kauf-Feuchtigkeitsfluids aus dem Bioladen. Ich wusste, was ich wollte: Viel Feuchtigkeit, eine leichte und haptisch angenehme Cremetextur, native Pflanzenöle, Hyaluronsäure (weil ich mit einem Kauf-Fluid mit Hyaluronsäure sehr gut zurechtkam) und Pflanzenauszüge. Was ich nicht wollte, wusste ich auch: Mineralöle, Parabene, unnötige Hilfsstoffe.

Erfahrungsaustausch versprachen Internetforen, aber dort stieß ich auf viele widersprüchliche, oft falsche Aussagen. Auch stand man meinem fachlich orientierten Anspruch (der, ich gestehe es, das Hobby-Niveau bereits eindeutig verlassen hatte) eher skeptisch gegenüber. Ein fruchtbarer anspruchsvoller Austausch, so musste ich erfahren, war ausgesprochen schwierig, Vorbehalte gegenüber Fachbegriffen groß. Was also tun?

Ich wollte mehr wissen, ich wollte objektive Informationen, Antworten auf meine unzähligen (auch kritischen) Fragen, Produkt-Transparenz und vor allem: Echtes Verstehen. Viele Monate recherchierte ich: Ich sprach persönlich mit Produktentwicklern von Herstellerfirmen. Ich schrieb die Autoren wissenschaftlicher Fachartikeln an und stellte ihnen meine Fragen. Ich besuchte Hochschulen und traf mich mit Professoren. Ich kaufte und entlieh dutzende dermatologische Bücher. Auf diese Weise entstand nach und nach mein ganz persönlicher Fundus an seriösen, vertiefenden, einzigartigen Informationen. Und diesen wollte ich teilen.

2006 // Olionatura.de

Im Herbst 2006 ist aus meiner Arbeit eine Website online gegangen, die für viele »Selbstrührer« zu einem völlig neuen Verständnis des Selbstrührens geführt hat: Olionatura.de. Im Rückblick und durch das vielfältige Feedback meiner Leserinnen und Leser weiß ich heute, dass Olionatura dem damaligen Bedürfnis vieler Verbraucher nach transparenter und verständlicher Information nachgekommen ist. Ich denke, es war einfach die Zeit reif, dieses wunderbare Hobby zu einem Handwerk zu entwickeln und ihm mit dem Anspruch zu begegnen, das, was man tut, so gut und so reflektiert wie möglich zu tun. Das kostenlose Angebot von klar strukturiertem und verständlich aufbereitetem Fachwissen ermöglichte vielen Menschen, sich ein umfassendes Wissen anzueignen und legte den Grundstein für eine neue, eine moderne Art der Kosmetikherstellung zuhause.

In all den Jahren hat sich Olionatura.de ständig verändert – optisch, in der Struktur, im Umfang. Eines aber ist so wie am Anfang, 2006, als mich noch niemand kannte, und so soll es bleiben: Olionatura.de ist für alle meine Leserinnen und Leser konsequent kostenfrei.

2007 // Die Rührküche

Olionatura.de bot mir fortan die Möglichkeit, Wissen zu teilen, aber nach wie vor fehlte mir ein lebendiger und entspannter Erfahrungsaustausch mit anderen Interessierten. Nach und nach formte sich eine Idee:  Nicht ich komme zu anderen Selbstrührern, ich biete Interessierten die Möglichkeit, zu mir kommen. Gedacht, getan: Innerhalb von nur 2 Stunden hatte ich eine Forensoftware  installiert und lud die ersten Gäste ein – sie kamen, und sie freuten sich! Ich freute mich auf die Möglichkeit, mit einer Handvoll Menschen Erfahrungen auszutauschen, zu lernen, zu testen und zu fachsimpeln – und ging davon aus, dass wir eine Handvoll bleiben würden. Ich sollte mich gründlich irren.

Heute, 10 Jahre später, ist die Rührküche innovatives Zentrum der deutschsprachigen DIY-Kosmetik: Der größte Teil der heute verfügbaren modernen Rohstoffe und Verfahren wurden dort entdeckt, getestet und publik gemacht. Immer noch gibt es Mitglieder der ersten Stunde, und über die Jahre sind immer wieder neue, wunderbare Mitglieder zu uns gestoßen, die das Forum geprägt und mit ihren Erfahrungen bereichert haben. 10 Jahre – ich denke, wir können alle zu Recht stolz darauf sein!

Ab 2010 // Buchpublikationen

Der Linzer Freya-Verlag ermöglichte mir 2010 die Veröffentlichung meines ersten Buches »Naturkosmetische Rohstoffe«. 2012 folgte das 2. Buch, das Handbuch »Naturkosmetik selber machen«. Beide Titel wurden bis heute mehrfach neu aufgelegt und jeweils behutsam modernisiert. Dies war eine wundervolle Erfahrung für mich: Der Verlag ließ mir nicht nur die Freiheit, über die Inhalte und den Umfang meiner Bücher selbst zu entscheiden – ich darf bis heute meine Bücher vollständig selbst setzen und gestalten. An dieser Stelle ein herzliches Danke an Freya!

2010 entschloss ich mich daneben, Olionatura® als Marke einzutragen. Es war absehbar, dass sich aus meiner Arbeit mehr entwickeln würde …

Das 3. Buch habe ich 2016 übrgens gezielt als E-Book umgesetzt. Mein aktuelles Buchprojekt wird wieder ein Verlagsbuch werden – aber das dauert noch ein wenig: Gute Recherchen benötigen Zeit und ihre Anwendung lebendige Praxis. 🙂

2017 // Modernes Selbstrühren

Bis heute prägt Olionatura das Herstellen von Naturkosmetik in der heimischen Rührküche (und das Rohstoff-Sortiment der Onlineshops): Selbstrühren 2017 setzt auf fundiertes Wissen, moderne Verfahren, auf verantwortungsvolle Konservierung. Meine Bücher, mittlerweile jeweils in mehreren Auflagen erschienen, werden geschätzt, obwohl so viele Informationen unverändert kostenfrei auf Olionatura.de verfügbar sind. Vermutlich geht es den Menschen, die sie kaufen, so wie mir: Was mir wichtig ist, möchte ich im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, fühlen, riechen können. Die Arbeit an Olionatura hat mich eins jedoch gelehrt: Ich bin immer noch und immer wieder Lernende. Wer viel ausprobiert, macht Fehler, muss den Mut haben, sich selbst zu korrigieren und manche lieb gewonnene Erkenntnis an neue anzupassen. Nur so ist Erkenntnis möglich, die allen dient.

Das ist meine Rührbiographie. 🙂

Meine Haut spiegelt mir, dass mein Lernen die letzten Jahre erfolgreich war: Sie ist gut versorgt, spannt nicht, kommt im Vergleich zu 2004 gut über den Winter und benötigt nur noch sehr wenig Pflege. Das ist übrigens sehr typisch für exzellente, selbst hergestellte Naturkosmetik-Produkte: Man braucht extrem wenig von ihnen. Sie begleiten einen über das ganze Jahr – und sie machen Kaufkosmetik überflüssig, wenn man dies möchte.

Nach wie vor fasziniert mich am Selbstrühren, dass ich am Prozess der Entstehung vieler pflanzlichen Ingredienzien selbst intensiv beteiligt bin: Wer einmal morgens mit einem Korb losgezogen ist und Kräuter gesammelt, sie verlesen und in Öl oder Alkohol angesetzt oder zu einem duftenden Destillat verarbeitet hat, wer die Gläser täglich bewegt und zugesehen hat, wie die Blüten oder Blätter ihren Duft, ihre Farbe und ihre Wirkstoffe an die Trägersubstanz abgeben, nimmt diesen Rohstoff sehr intensiv wahr, entwickelt einen Bezug zu ihm, schätzt seinen Wert.

Heike im Garten

Es ist eine sehr intensive Erfahrung, Jahreszeiten bewusst wahrzunehmen und ihren Rhythmus im Wachstum der Pflanzen mit zu erleben. Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter sind nicht nur eine Abfolge unterschiedlicher Wetterprozesse und kalendarischer Ereignisse, sondern kennzeichnen Perioden, in denen ich meine »Schätze« sammle und aufbereite. Ich habe die Umgebung, in der ich wohne, unter dieser ganz anderen Perspektive neu kennengelernt.

Lassen Sie sich begeistern, erobern Sie sich ein wunderbares Hobby, das Seele und Sinne berührt, lassen Sie sich auf Ihre ganz persönliche Rührbiographie ein. Ich verspreche Ihnen: Es lohnt sich!

Haben Sie Gedanken, Fragen, Anregungen zum Thema?