Kosmetikrohstoffe im Test

Wildrosenöl, neu betrachtet

Wildrosenblüte

Wildrosenöl begleitet meine eigene Rührpraxis seit Jahren; bis heute hat es einen festen Platz in meiner Hautpflege. In der Fach- und Sachliteratur werden seine kosmetischen Qualitäten gelobt: Neben einem hohen Anteil an der 3-fach ungesättigten Alpha-Linolensäure gilt die all-trans-Retinsäure als wesentliche Wirkkomponente dieses wertvollen Pflanzenöls. Angeregt durch eine kritische Diskussion über eine Formulierung in meinem Ölportrait recherchierte ich, stieß auf widersprüchliche Aussagen … und interessante Sichtweisen.

Die fragliche Formulierung in meinem Ölportrait (die bis Juni 2013 online stand und bis zur 3. Auflage in meinem Rohstoff-Buch zu lesen ist) fußt auf einen Fachartikel des Journals der American Oil Chemists‘ Society (1):

The main bioactive component of rosehip oil is all-trans-retinoic acid (or tretinoin), a natural precursor of vitamin A that is known to be responsible for restoring and rebuilding tissue.

Ich gestehe, ich stellte die Aussage nicht in Frage und interpretierte sie dahingehend, dass die all-trans-Retinsäure im Wildrosenöl offenbar in einer gebundenen Form vorliegen müsse und der Begriff »Precursor« in diesem Kontext akzeptabel sei. Ein weiterer Grund, die Aussage nicht anzuzweifeln, lag auch in meinem Respekt vor den Autoren und dem Journal, in dem der Fachartikel veröffentlicht wurde. Die kritische Anmerkung bezüglich meiner aus diesem Artikel übernommenen Formulierung traf mich daher unerwartet, wenn auch nicht unberechtigt: Formal ist sie legitim, denn chemisch gesehen kann die irreversible metabolische Endstufe eines Prozesses keine Vorstufe der Ausgangssubstanz sein.

Gleichzeitig erwachte mein Interesse. Vitamin A kommt nach gängiger Lehrmeinung ausschließlich im tierischen Organismus vor: Menschen nehmen es in Form von Retinol und Retinylestern aus tierischen Lebensmitteln und/oder über in Pflanzen enthaltene Vorstufen von Vitamin A ( Carotinoide) auf. Diese liegen in Pflanzen in der Regel gebunden an Lipide, Proteine und Kohlenhydrate vor. Für mich stellte sich daher die Kernfrage: Kann sich ein Derivat, mehr noch – die Endstufe eines Metabolismus, die nur im tierischen Organismus u. a. aus pflanzlichen Ausgangsstoffen gebildet wird, in in einem pflanzlichen Öl befinden? Wenn ja: Wie wäre dies möglich?

Gefunden: Die originale Quelle

Nach langer Online-Recherche stieß ich endlich auf den Fachartikel, auf den sich offenbar alle Autoren beziehen, die den Gehalt an all-trans-Retinsäure in Wildrosenöl postulieren: Auf die in spanischer Sprache verfasste Arbeit von B. Pareja und H. Kehl (2) des Instituts für Pharmakologie an der Universität Lima in Peru. Zuvor hatte ich auf verschiedenen kommerziellen Webseiten, auf denen Wildrosenöl angeboten wird, in der Aussage ähnliche Textpassagen gefunden, die sich auf diese Arbeit beziehen. Mit Hilfe einer Spanisch-Dozentin konnte ich den Artikel übersetzen und die (tatsächlich inhaltlich in den Kernaussagen korrekt übersetzte) Textpassage im Original lesen:

Este hecho nos hace pensar que el ácido trans-retinoico contenido  en la Rosa mosqueta presenta todos los efectos benéficos de éste y carece de sus efectos secundarios y que esto se debería a que el ácido está contenido en un sistema multifásico, acompanada de ácidos grasos no saturados, y otros componentes como los taninos con los que posiblemente forme complejos que hacen que tengan una liberación lenta, diriamos, casi controlada, lo que evitaria la hiperdosificatión.

(Übersetzt etwa:) Diese Tatsache macht uns glauben, dass die in Rosa Mosqueta enthaltene Trans-Retinsäure in Rosa-Mosqueta ihre Vorteile präsentiert, ohne ihre Nebenwirkungen aufzuweisen, möglicherweise weil die Säure in einem mehrphasigen System enthalten ist, begleitet von ungesättigten Fettsäuren und andere Komponenten wie Tanninen, die möglicherweise Komplexe bilden, die eine langsamere, wir würden sagen, kontrollierte Freisetzung bewirken, was eine Überdosierung verhindern würde.

Die Anwesenheit von all-trans-Retinsäure bestätigt 2006 oben bereits zitierte Facharbeit (1), in der ihr Gehalt mit 0,1 bis 0,3 mg/Liter, das sind ca. 0,01 bis 0,03 %, notiert wird. Stellen wir also als erstes Ergebnis fest: Es gibt Nachweise von all-trans-Retinsäure im Wildrosenöl.

Widersprüchliche Analyseergebnisse

Dennoch ist die Aussage über die Anwesenheit von all-trans-Retinsäure in Wildrosenöl in der Fachwelt umstritten (3): Weitere Tests am King’s College in London konnten keine all-trans-Retinsäure nachweisen, obwohl in diesen gezielt nach dieser Substanz gesucht wurde. Offenbar ist der Gehalt in der Regel so niedrig, dass ein Nachweis nicht in allen Fällen gelingt. In Proben nativen, in der Farbe rötlichen Öls zeigt sich in oben genannter Studie (1) ein bis zu 7-fach höherer Gehalt an all-trans-Retinsäure gegenüber einem durch Lösungsmittel gewonnenen, in der Farbe hellgelben (jedoch nicht raffinierten) Öls (a. a. O., S. 773):

Significant differences in all-trans-retinoic acid content are observed
for oil recovered through cold pressing processes, which
is seven times higher than for oil obtained by chemical extraction.

Es scheint, als spiele der Gehalt an Carotinoiden im gewonnenen Öl eine entscheidende Rolle. Ein Gespräch mit einer Chemikerin und Expertin auf dem Gebiet pflanzlicher Öle eröffnete einen weiteren interessanten Aspekt: Beta-Carotin kann enzymatisch zu Retinol gespalten werden. »Möglicherweise«, vermutet sie,  »sind in besonders schonend gewonnenen Wildrosenölen solche Enzyme noch aktiv vorhanden, so dass die Spaltung von Beta-Carotin zu Retinol und die Oxidation zu Retinsäure tatsächlich möglich ist«. Interessant ist, dass eine Firma, die raffininiertes Öl im pharmazeutischen Kontext anbietet, keinen Hinweis auf all-trans-Retinsäure gibt – im raffinierten Öl ist sie nach bisherigem Kenntnisstand eher nicht vorhanden.

Es gäbe noch einen weiteren gedanklichen Ansatz, wenngleich er größere Unsicherheiten birgt: Es ist möglich, dass die Biosynthese für Beta-Carotin in den gepressten Saaten einfach noch nicht vollständig beendet war, z.B. bei der Verwendung von unreifen Früchten. In diesem Fall könnten sich im Öl befindliche Isopren-Einheiten Ausgangsstoffe für chemische Strukturen sein, die in der Analyse auf all-trans-Retinsäure deuten. Ein weites Feld … wir werden akzeptieren müssen, dass das Gebiet der Synthese von Stoffen in natürlichen Prozessen eines ist, das noch lange Zeit Fragen aufwerfen wird. In beiden genannten Fällen müssten wir jedoch konstatieren, dass an der Lehrmeinung (Vitamin A komme ausschließlich in tierischen Organismen vor) nichts Falsches ist – und Wildrosenöl durch seine Carotinoide einen Precursor für all-trans-Retinsäure enthält, die durch enzymatische  (oder durch nicht vollendete metabolische) Prozesse gelegentlich nachweisbar wird. Ich gehe davon aus, dass die Autoren meines zitierten Fachartikels diesen Sachverhalt ausgedrückt haben.

Fazit

Als Fazit bleibt: Wenn, dann finden wir Spuren (und wirklich nur Spuren) der all-trans-Retinsäure in schonend gepressten, nativen Ölen (haben wird das nicht schon immer geahnt?). 😉 Ich würde als Rat hinzufügen: Achten Sie darauf, ein durch die enthaltenen Carotinoide intensiv rötlich gefärbtes Wildrosenöl zu kaufen und meiden Sie raffinierte oder durch Lösungsmittel extrahierte Produkte. Ungeachtet dessen bleibt dieses Öl durch seinen (nachgewiesen hohen) Gehalt an Alpha-Linolensäure ein wundervolles Wirkstofföl, das unsere Hautpflege vortrefflich unterstützen kann.

Quellen: