Kosmetikrohstoffe im Test

Hydratisierer im Vergleich

Hydratisierer im Vergleich

In den warmen Monaten braucht meine Haut vor allem eins: Wasser, Wasser, Wasser. Bewährte hydratisierende Substanzen sind Urea und Glycerin, die in Kombination besonders effektiv wirken. Neben diesen beiden »Klassikern« haben sich in den letzten Jahren andere Feuchtigkeitsspender etabliert, darunter vor allem Natriumlaktat und Sodium PCA. Eine kleine Gegenüberstellung skizziert kurz die Charakteristika dieser Rohstoffe.

Urea (Harnstoff) ist Bestandteil des NMF (Natural Moisturizing Factor), einer hauteigenen Kombination an wasserbindenden Stoffen, die sich primär in den Korneozyten befinden und sich aus Bestandteilen von Schweiß, Talg und Produkten des Verhornungsprozesses der Haut zusammensetzen. Urea ist sehr wirksam bei starker Hautrockenheit und Altershaut sowie rissigen, verhornten Fersen; in Gesicht- und Körperpflegeprodukten sind 2–5 % in der Regel ausreichend, bei Fußpflegepräparaten haben sich 10–15 % Urea bewährt. Wichtig: stabilisieren Sie Urea mit 1–2 % Natriumlaktat und Milchsäure, da es sich leicht zersetzt.
Ausgesprochen wirksam ist Urea (1–3 %) in reinen Oleogelen; es dringt tief in die Hornschicht ein und wirkt dort als Depot. Wichtig ist hier feinstes Mörsern oder ein Auflösen in etwas alkoholischem Pflanzenextrakt, bevor sie es einarbeiten. Ich verarbeite es seit Jahren mit Lipodermin in meinem Cranberry Balm.

Glycerin ist ein »Allrounder«. Neben der ausgeprägten wasserbindenden Wirkung überzeugt es durch seine Fähigkeit, die Hautelastizität zu fördern: nur 1 % Glycerin steigert die Elastizität mehr als 10 % (!) Natriumlaktat. Daneben erweist es sich als irritationsmildernd, wenn man es (bevorzugt 10%ig) in tensidischen Produkten, also Shampoos, Reinigungsmilch, -creme oder Duschgelen einsetzt. Die seit Jahren kursierenden Warnungen vor seiner austrocknenden Wirkung sind – verzeihen Sie mir meine Offenheit – ausgesprochener Blödsinn. Niemand verwendet Glycerin in Einsatzkonzentrationen, in denen dies passieren würde – das würde kleben wie Honig. 😉 2–5%ig dosiert sollte Glycerin in Pflegepräparaten völlig ausreichen; bei akuter Hauttrockenheit können vorübergehend 10 % eingesetzt werden, bis die Haut wieder hydratisiert ist. Hier bietet sich an, ergänzend mit nativen Ölen und Unverseifbarem (Phytosterolen) zu arbeiten, um die Hautbarriere zu regenerieren. Interessant ist, dass Glycerin tief in die Hornschicht eindringt und dort als Depot wirkt; dies hat den Vorteil, dass es nur schlecht ausgewaschen werden kann.
Tipp: Wer Naturkosmetik herstellt, wird gerne darauf achten, pflanzliches Glycerin in Bioqualität zu kaufen.

Ebenfalls bewährt hat sich Natriumlaktat, das Natriumsalz der Milchsäure und Bestandteil des hauteigenen NMF. Es ist (vor allem als Lösung) einfach zu verarbeiten und hydratisiert effektiv: im Vergleich zu Glycerin ist es mehr als doppelt so hygroskopisch, seine Wasserbindefähigkeit liegt mit 84 mg/100 mg Produkt ebenfalls ca. doppelt so hoch wie bei Glycerin (40 mg/100 mg Produkt). Dosieren Sie Natriumlaktat als Lösung (50–60 %) mit ca. 1,6–2 %; in Pulverform haben sich 1 % bewährt, jeweils mit Milchsäure kombiniert. Natriumlaktat erhalten Sie u. a. in Ihrer Apotheke. Ein Nachteil gegenüber Glycerin ist, dass Natriumlaktat als Salz durch Wasserkontakt leicht wieder ausgewaschen werden kann – als Gegenspieler zu Tensiden in Reinigungsprodukten ist es daher weniger gut geeignet. Angenehm ist, dass es in keiner Weise klebt.

Neu für Endverbraucher in Deutschland erhältlich ist Sodium PCA, das Natriumsalz der Pyrrolidoncarbonsäure, die mit ca. 12 % Bestandteil des hauteigenen NMF ist. Sodium PCA liegt in seiner hygroskopischen und wasserbindenden Effektivität zwischen dem Spitzenreiter Natriumlaktat und Glycerin; es bindet 60 mg Wasser/100 mg Produkt (im Vergleich: Natriumlaktat 84 mg, Glycerin 40 mg). Wer allergisch gegen Milchproteine ist, findet in Sodium PCA eventuell eine Alternative zu Natriumlaktat. Auch hier gilt: als Salz ist Sodium PCA durch Wasserkontakt leicht wieder auswaschbar und kann Glycerin in diesem Aspekt nicht »das Wasser reichen«. Auch hier ist die fehlende Klebrigkeit ein Aspekt, den viele AnwenderInnen schätzen.

Abschließend möchte ich einen Textauszug zitieren, der das lange geschmähte Glycerin in einem anderen Licht erscheinen lässt. Wer seinen Rohstoffvorrat gerne auf das Wesentliche beschränkt und eine preiswerte Lösung sucht, wird in pflanzlichem Glycerin einen hervorragenden Rohstoff finden:

»Within the range of humectants used in dry skin products, glycerol appears unique in providing more benefit to this tissue than can be explained by simple humectancy. This range of properties is not shared by other polyols, which nevertheless still remain common humectant ingredients in many formulations. Glycerol is capable of plasticizing the stratum corneum, manipulating the lyotropic nature of the lamellar lipids and thereby promoting the enzyme-mediated lysis of corneodesmosomes within the extracellular matrix. This latter finding indicates that glycerol is a true corneodesmolytic agent and enhances desquamation effectively to ameliorate dry and scaly skin. Understanding the mechanism by which this remarkable molecule can influence barrier repair remains to be elucidated.«

Quelle: James L. Leyden/Anthony V. Rawlings: Skin Moisturization. New York/Basel: Marcel Dekker, Inc., 2002, S. 263