Kosmetikrohstoffe im Test
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Ceramide

Ceramide III

2011 steht sie das erste Mal vor mir: Eine kleine Dose mit Druckdeckel, weiß, völlig unspektakulär, mit einem federleichten Pulver gefüllt, dessen Name mir seit Jahren wohlige (und sehnsüchtige) Schauer bescherte: Ceramide. Exakt: Ceramide III von Evonik. Dieser Beitrag erschien erstmalig am 21.01.2011 auf Olionatura.com.


Ceramide gehören zu den Begriffen, auf die der kosmetisch Interessierte automatisch trifft, wenn er die Prinzipien einer intakten Hautbarriere verstehen möchte: Sie gehören zu körpereigenen Sphingolipiden, die vor allem in der Hornhaut (dem Stratum corneum) präsent sind und dort, gemeinsam mit Cholesterin und freien Fettsäuren, die hydrophobe (wasserabweisende) Barriereschicht der Haut prägen. Dass Ceramide, topisch (also äußerlich auf die Haut) aufgetragen, nicht in identischer Weise wie die hauteigenen wirken, ist in der Forschung Konsens; dennoch scheinen sie als kosmetischer Rohstoff ausgesprochen positive Wirkungen auf den Feuchtigkeitsgehalt der Haut zu haben. Hergestellt werden Sie u.a. biotechnologisch: Hefezellen produzieren Tetra-Acetyl-Phytosphingosin (in einem Wort geschrieben, ich habe es absichtlich als Kompositium notiert, damit es leichter lesbar wird), das zu Phytosphingosin acetylisiert und (im Falle von Ceramide III) mit pflanzlicher Stearinsäure verbunden wird. Ceramide sind also Fettsäureamide des Phytosphingosins.

Ihre kosmetische Wirkung verdanken Ceramide u. a. ihrer chemischen Struktur: Amide haben die Eigenschaft, sich mit dem Keratin der Hornzellen (Keratinozyten) über Wasserstoffbrücken zu verbinden und damit einen nicht spürbaren, einhüllenden »Film« zu erzeugen, der den transepidermalen Wasserverlust mindert und die Haut vor äußeren Einflüssen schützt. Dabei binden sie Wasser und halten es in der Epidermis fest. Das sind, alles in allem, Gründe genug, sich diesen Rohstoff einmal näher anzuschauen.

Bevor ich das kostbare Pulver in mein aktuelles Cremefluid einarbeite – in dieses Fluid deshalb, weil ich es seit Monaten verwende und Unterschiede daher besser wahrnehmen kann – möchte ich mehr wissen. Ein Anruf bei entsprechender Stelle verbindet mich mit einem kompetenten Chemiker, und 20 Minuten später bin ich gewappnet. Seine Tipps erweisen sich als ausgezeichnet.

Harte Jungs …

Unkompliziert sind Ceramide als kosmetische Komponente tatsächlich nicht – zumindest nicht für die Kosmetikindustrie mit ihren Produkten, die viele Monate im Regal des Anbieters oder beim Verbraucher ohne Veränderungen der Produkteigenschaften überstehen müssen. Der relativ hohe Schmelzpunkt bewirkt eine Tendenz zur Rekristallisation, vor allem bei hohen Einsatzkonzentrationen über 0,5 % (empfohlen werden EKs zwischen 0,05 und 1 %); auch die Gefrierstabilität der Emulsionen leidet.

Es gibt allerdings Unterschiede je nach Handelsprodukt. Die uns (Ergänzung von mir 2017: heute) verfügbaren Ceramide III und III B unterscheiden sich u. a. im Schmelzpunkt (Ceramide lll B: 98 – 108 °C; Ceramide lll: 123 – 128 °C); Ceramide III B ist durch die Verbindung des Phytosphingosins mit Ölsäure statt Stearinsäure leichter löslich. Für die Verarbeitung von Ceramide III  außerordentlich wichtig ist ein klares Auflösen bei ca. 90 °C, optimal in einem Öl, das gute Lösungseigenschaften aufweist, z. B. Neutralöl (INCI: Caprylic/Capric Triglyceride) oder Dermofeel® sensolv (INCI: Isoamyl Laurate). Das Zusammengeben und das erste Dispergieren der Phasen muss bei dieser Temperatur erfolgen, dann wird kontinuierlich kalt gerührt.

Exakt das tue ich: das Pulver (ich entscheide mich für 0,2 %) wird in ein wenig Öl gelöst (meine Wahl trifft auf Dermofeel® sensolv), die separat (und etwas geringer) erhitzte Fettphase gebe ich dazu (darin ist ein hydriertes Lecithin, das ich nicht direkt dieser hohen Hitze aussetzen möchte), dann gebe ich die Fettphase schluckweise zu der mit Emulprot® und Sucrosestearat versetzten Wasserphase und dispergiere ca. 4 Minuten bei 2500–3000 rpm. Die weitere Verarbeitung erfolgt wie gewöhnlich: Sanft kalt rühren, bei Handwärme Wirkstoffphase und Konservierung dazugeben, nach Erkalten pH-Wert-Messung vornehmen.

Der Moment der Wahrheit

Beim Auftragen stelle ich fest, dass das Fluid geringfügig »einhüllender« wirkt, ohne dass ich einen Film spüre. Es ist sehr angenehm, befeuchtend, beruhigend – nun, wie sonst auch – aber … ich kann nicht sagen, dass ich einen optischen WOW-Effekt sehe, aber sie scheinen das zu unterstützen, was ich persönlich als sehr wichtig in einer sinnvollen Hautpflege empfinde: Schutz vor äußeren Einflüssen und Befeuchtung. Ich fühle es. Übrigens wird empfohlen, die hochschmelzenden Ceramide mit niedrigviskosen Ölen zu kombinieren, um ein angenehmes Hautgefühl zu erhalten. Ich verstehe, warum: Sie beeinflussen die Spreitfähigkeit einer Emulsion, senken sie, ähnlich wie es hydriertes Lecithin oder Gamma-Oryzanol tun – die hochspreitenden Öle gleichen dieses Manko aus.

Einen weiteren Tipp gab mir der Chemiker: In Verbindung mit Liposomen können Ceramide für die Haut besser verfügbar gemacht werden. Die Beladbarkeit von Natipide® II, unserem Lipodermin, legt ein Dispergieren von Ceramiden und Lipodermin bei ca. 90 °C nahe, um sie in die lipophilen Bereiche der Doppelmembrane einzubringen. Diese Mischung wird dann in einer Emulsion weiterverarbeitet – mein nächstes Unterfangen.

Mir kommt zudem ein weiterer Gedanke: an sich müsste ich – ähnlich wie bei meiner Phytosterolbasis RK – ein Lipidgemisch vorbereiten können, in dem die Ceramide III bereits in anderen stabilen Ölen aufgeschmolzen sind. Vielleicht ließe sich dann sogar eine Barriereschutz-Basis entwickeln, mit Ceramiden, Gamma-Oryzanol, Ascorbylpalmitat und Avocadin® … Sie hören von mir.

Ergänzung

2011 habe ich die Idee in meiner Barriereschutzbasis umgesetzt.

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