Kosmetikrohstoffe im Test
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Avocadin® auf die INCI geschaut

2012 erfuhr ich von einem bekannten Kosmetikhersteller, den ich in seinem Labor besuchte, dass Avocadin® einen Bestandteil aufweise, der aufgrund seiner niedrigen Dosierung nicht deklariert sei. Dies stelle ihn vor gewisse Schwierigkeiten, weil die Deklaration seiner Produkte dadurch nicht mehr stimme, eine Neuzertifizierung jedoch mit großen Kosten verbunden sei. Damals wollte ich das genau wissen und ließ mir die derzeit aktuellen Papiere zusenden. Tatsächlich: 2012 lesen sich die Informationen ganz anders als 2007.

Anfang 2007 habe ich Avocadin® kennen- und schätzen gelernt: Als im Winter eine durch Seifenverwendung bedingte rissige, gerötete Stelle auf einem Wangenknochen unterhalb des Auges nicht mehr heilen wollte (nicht einmal native Sheabutter half), zauberte dieser Wunderwirkstoff innerhalb von 2 Tagen beruhigte und heilende Haut. Damals wusste ich noch nicht viel über das Unverseifbare der Avocado bzw. über Unverseifbares allgemein. Die Herstellerfirma sandte mir bereitwillig Unterlagen, und ich entdeckte, dass es sich den INCI nach bei der schmalzartigen Masse um ein Gemisch aus Phytosterolen aus dem Avocadoöl handelt, das aufgrund seines hohen Schmelzpunkts in eben diesem gelöst vorliegt – ein Prinzip, das ich in meiner Phytosterol- und in meiner Barriereschutzbasis übrigens auch umsetze. Der Hinweis auf eine veränderte Produktzusammensetzung machte mich neugierig.

Der Produktname ist der erste Unterschied, der zu dem alten Avocadin® auffällt: Avocadin® HU 25 heißt es seit 2012, Hersteller ist Crodarom. In den INCI wird es als »Persea Gratissima (Avocado) Oil, Phytosterols, Olea Europaea (Olive) Fruit Oil« gekennzeichnet; es handelt sich also um eine Mischung aus (über 50 %) Avocadoöl, (25–50 %) Phytosterolen und (10–25 %) Olivenöl.

Das Unverseifbare entpuppt sich mitnichten als nur aus Avocadoöl stammend: »[…] phytosterols from highly purified unsaponifiables fractions of defined origin (rape, soja, pine, with minor traces of sunflower, corn, cotton)«. Diese werden mit raffiniertem Avocado- und Olivenöl sanft erhitzt, homogenisiert, »conditioned« (?), gefiltert und heiß abgefüllt.

Als Antioxidantien werden synthetisches Ascorbyl Palmitate (ein Ester aus Ascorbinsäure und Palmitinsäure) sowie Tocopherol Acetate genannt, letzteres ein Ester aus Tocopherol und Acetat. Beide sind mit 0,1 % notiert, eine übliche Dosierung mit  dem Ziel der oxidativen Stabilisierung. Wo aber ist die geheimnisvolle Substanz? Was bedeutet das »conditioned« im beschriebenen Herstellungsprozess? Ich würde es aus dem Bauch heraus lesen als »in einen guten oder besseren Zustand bringen«. Nun, mein Englisch ist optimierungsfähig … wir würden Sie es lesen?

Bei der gesuchten Substanz handelt es sich um Sorbitan Oleate, ein nichtionischer Emulgator aus dem Zuckeralkohol Sorbitol, verestert mit Ölsäure pflanzlichen Ursprungs. Ein Zuckerester, nichts Schädliches, nichts Schlimmes und mit 0,9 % auch nicht hoch dosiert (was offensichtlich die Nicht-Deklarationspflicht erklärt) – aber doch etwas, was man als Kosmetikhersteller wissen muss. Ich vermute eher, dass sich das Produkt im Laufe der letzten Jahre in seiner Zusammensetzung verändert hat, so wie andere bekannte Produkte auch; ich erinnere da an das prominente High-End-Lecithin der Hobbythek, Fluidlecithin Super, das seit 2007 ein Compound aus verschiedenen Substanzen (u. a. koemulgierendem Glycerinstearat) ist, nicht mehr nur das aufkonzentrierte Phosphatidylcholin in Distelöl (hier berichte ich darüber). Die Beschreibung »conditioned«, so lese ich es heraus, kennzeichnet wohl den Zusatz dieses Emulgators, der die Tendenz des Öls, aus der Masse herauszuschwitzen, mindern soll.

Das muss uns aus hautphysiologischer Sicht nicht stören. Ich kenne Avocadin® seit Jahren, und es leistet gerade in Kombination mit Lecithinen und Ceramiden Erstaunliches. Wissenswert finde ich es dennoch – und deshalb hielt ich es 2012 für sinnvoll, sie auf dieses Detail aufmerksam zu machen.

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