Pflanzen verarbeitet: Einzelportraits

Ein heimischer Schatz:
Die Echte Kamille

Die Echte Kamille

Das Hydrolat der Echten Kamille (Matricaria recutita, auch Chamomilla recutita) destilliere ich nicht jedes Jahr, und daher ist es immer ein wundervolles Erlebnis, wenn ich sie wieder am Rande von Kulturflächen finde, die nicht gespritzt oder gedüngt sind und ich sie daher unbesorgt sammeln kann. Kürzlich war es soweit: Ich zog mit Fahrrad und Korb los und sammelte meine diesjährige Kamillenernte für Hydrolate und Extrakte.

Sammeln, Ausputzen des Pflanzenguts und Destillieren sind Schritte, die ich in der Regel direkt hintereinander ausführe, da sich in den unteren Lagen im Korb mitunter recht hohe Temperaturen entwickeln und das Pflanzengut schnell hydrolytischen Prozessen ausgesetzt ist. Bei Mädesüß- und Holunderblüten kann es dadurch mitunter zu unerwünschten olfaktorischen Noten kommen, die den Gesamteindruck eines Hydrolats negativ beeinflussen und ihm eine »morbide« Note verleihen.

Das gezielte Anwelken von Pflanzen ist hingegen eine Möglichkeit, die Qualität eines Hydrolats zu erhöhen, da der Wasserdampf in der Destille vom Pflanzenmaterial besser aufgenommen wird und die Wärme gleichmäßiger übertragen wird. Wichtig ist nur ein Ausbreiten der Pflanzen (im Schatten und an einem gut durchlüfteten Ort), damit sie von allen Seiten von Luft umgeben sind und gleichmäßig welken können.

Mädesüß und Holunder destilliere ich daher am liebsten frisch. Kamille gehört zu den Pflanzen, die getrocknet eine noch bessere Ausbeute an ätherischen Ölen liefert: Im frischen Zustand ist die sogenannte Schüttdichte sehr hoch, und diese kann den Durchfluss des Dampfes mindern. Mein Ziel ist jedoch ein hochwertiges Hydrolat – das bedeutet, ich lege Wert auf einen hohen und ausgewogenen Anteil an flüchtigen lipophilen und hydrophilen Stoffen. Hydrophile Stoffe sind in der Regel bei Trocknungsprozessen einem größeren Schwund ausgesetzt,und dies ist der Grund, warum ich die Frischpflanzendestillation bevorzuge, wo es mir möglich ist. Ob mein Vorgehen wirklich optimal ist, könnten nur Analysen belegen. So bleibt mir lediglich eins: Geruch und Geschmack sind meine Testparameter für ein gutes Hydrolat.

Gesammelt habe ich am Rande des Bergischen Landes nach einer mehrtägigen sonnigen Wetterlage, vormittags zwischen 10 und 12 Uhr. Ich hatte meinen Korb dabei und schichtete das im oberen Drittel abgeschnittene Kraut lose hinein.

Ausgeputzte Kamillenblüten

Ausgeputzte Kamillenblüten

Die Blüten werden im Anschluss ausgeputzt und dann umgehend destilliert. Ich destilliere Frischpflanzen 1:1, das bedeutet 500 g Pflanzengut ergeben 500 ml Hydrolat. Das Becherglas, das das Hydrolat auffängt, hat eine große Oberfläche: Da ich kein ätherisches Öl abziehe, muss sich die Fläche nicht verjüngen. Dieses Glas sowie alle Blauglasflaschen werden vorher im Dampfdrucktopf sterilisiert und die Deckel mit 70%igem Ethanol desinfiziert. Wichtig: Ich habe dieses Hydrolat nicht gefiltert, da das ätherische Öl sich unweigerlich in der Glasnutsche gefangen hätte. Wer dies tun möchte, sollte das Öl vorher abziehen und das Hydrolat anschließend gut filtern.

Bläuliches Kamillenhydrolat

So sieht übrigens der Deckel einer Hydrolatflasche am nächsten Tag aus (ja, ich gestehe: Ich habe dran gerochen – ich MUSSTE es tun), man sieht deutlich das Blau des Chamazulen:

Chamazulen im Deckel

Chamazulen im Deckel

Aus 20 g Blüten und 100 g 70%igem Ethanol habe ich noch einen Frischpflanzenextrakt hergestellt, mit der sogenannten Turbo- oder Wirbelextraktion. Ich nehme dafür meinen Ultra Turrax®, Sie können dies mit einem Stabmixer tun. Wichtig ist, das Becherglas mit der Pflanzen-Ethanol-Wasser-Mischung in ein kaltes Wasserbad zu stellen, um den Ansatz während der Extraktion zu kühlen. Ich habe 10 Minuten extrahiert (mit ca. 10.000 rpm), den Extrakt dann 24 Stunden sedimentieren lassen und mehrfach mit einem Büchnertrichter, anschließend mit einer Glasnutsche (Porosität 4) gefiltert.

Turboextraktion der Kamillenblüten

Nun warten mehrere Flaschen Kamillenhydrolat und -extrakt auf meine Kursteilnehmerinnen … und jeweils eine Flasche macht sich, sobald die Sommerhitze vorüber ist, auf den Weg nach Japan zu Kumiko Yamaguchi, die einen sehr interessanten und lesenswerten Blog pflegt. Sie wohnt in der Nähe von Osaka und unterrichtet dort u. a. über deutsche Heilkräuter. Kumiko hat mit zwei Kostbarkeitern geschenkt: Kameliensamenöl und ein seltenes ätherisches Hinoki-Öl aus der Muschelzypresse (Chamaecyparis obtusa), das Eliane Zimmermann in ihrem wie immer flüssig und persönlich geschriebenen Blog beschreibt.

Kosmetischer Einsatz

Hydrolate setze ich in Emulsionen gerne als Bestandteil der Wasserphase ein, konkret ersetze ich einen Teil (z. B. 25 %) des Emulsionswassers mit einem Hydrolat. Während ich früher oft die gesamte Wasserphase durch Hydrolate ersetzt habe, bin ich mittlerweile zurückhaltender. Grund ist, dass meine Hydrolate verhältnismäßig konzentriert sind und ich sie verdünnter als milder empfinde. Nicht vergessen: Ein Hydrolat ist im ein Vielfaches konzentrierter als ein Infus (Teeaufguss). Bewährt hat sich, das Hydrolat direkt nach Emulsionsbildung (nach kurzem Dispergieren der beiden zusammengegebenen Phasen) hinzuzufügen, wenn die Emulsion noch recht heiß ist. So wird das Hydrolat qualitativ nicht beeinflusst, lässt sich jedoch noch stabil in die Emulsion einbinden. Meine eigenen Hydrolate koche ich vorher nicht auf – sie sind sehr sauber hergestellt, und ich weiß, was ich habe. Bei Kaufhydrolaten bin ich vorsichtig (aber seitdem ich eine Destille habe, kaufe ich so gut wie keine mehr, insofern erübrigt sich diese Frage). 😉

Pflanzenextrakte dosiere ich in der Regel um die 3 %, selten höher. Ich berechne sie mittlerweile nicht mehr als Konservierung. Im Gesamtkonzept einer Formulierung wirken sie selbstverständlich kokonservierend und unterstützen sinnvoll andere antimikrobiell wirksame Substanzen.

Quellen

  • Bayrische Landesanstalt für Landwirtschaft: Wasserdampfdestillation ätherischer Öle aus frischen oder angewelkten Pflanzen, Freising, 1998
  • Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft: Gewinnung ätherischer Öle aus Blatt-, Blüten- und Körnerdrogen einheimischer Produktion. Jena, 2005.