Konservierung

Frei von Konservierungsmitteln?

Daniel Fuhr, Forschung und Entwicklung, www.fotolia.com

Wer die Entscheidung trifft, naturkosmetische Produkte selbst herzustellen, knüpft daran nicht selten die Erwartung, unerwünschte Inhaltsstoffe zukünftig vermeiden zu können. Im Hinblick auf Farbe und Beduftung ist dieses Ziel leicht realisierbar. Schwieriger gestaltet sich jedoch der Verzicht auf Konservierungsstoffe – es sei denn, es werden Kleinstchargen gerührt, im Kühlschrank aufbewahrt, mit Spatel entnommen und innerhalb weniger Tage aufgebraucht. Wer dafür immer Zeit hat: perfekt!
Konservierungsmittel genießen einen schlechten Ruf – so schlecht, dass es mittlerweile zur Marktstrategie naturkosmetisch orientierter Firmen gehört, ihre Produkte als »frei von Konservierungsmitteln« auszuloben. Ein geschulter Blick auf die INCI offenbart jedoch oft Erstaunliches; wir werden gleich einen Blick gemeinsam wagen. In diesem Beitrag ist es mein Anliegen, Ihren Blick für Produktaussagen zu schärfen und deutlich zu machen, warum Konservierung für Ihre Hautgesundheit nicht immer die schlechtere Alternative ist. Es wird interessant, das verspreche ich Ihnen!

»Ich will nicht konservieren!«

In meinem Forum werde ich gerade von Rühreinsteigern oft mit der Aussage konfrontiert, es gebe ja auch konservierungsmittelfreie Kaufkosmetik, das müsse ja auch zuhause zu realisieren sein. Meine Antwort ist immer die gleiche: Es gibt keine betont wasserhaltigen Produkte, die ohne antimikrobiell wirkende Substanzen konzipiert sind. Betrachten wir einmal exemplarisch die Werbeaussage einer bekannten Naturkosmetik-Firma, deren Produkte nach eigenen Aussagen frisch hergestellt werden:

Ringana: Aussage zur Produktkonservierung (Stand 2011)

Keine Konservierungsmittel, betont diese Information auf der eigenen Firmenseite. Ich versichere Ihnen: Das stimmt nur formal, und ich werde gleich darlegen, warum. Zunächst jedoch: der Anbieter handelt im gesetzlich korrekten Rahmen. Möglich wird eine solche Aussage durch § 3 a, Absatz  1 der Kosmetikverordnung, der Konser­vierungsstoffe wie folgt definiert (Kosmetik-Verordnung i. d. Fassung der Bekanntmachung v. 7. Oktober 1997 (BGBl. I, S. 2410), zuletzt geändert durch die Verordnung v. 9. August 2010 (BGBl. I, S. 1146)):

»Konservierungsstoffe im Sinne dieser Verordnung sind Stoffe und Zubereitungen, die kosmetischen Mitteln überwiegend zu dem Zweck hinzugefügt werden, die Entwicklung von Mikro­organismen in diesen Erzeugnissen zu hemmen.«

»Überwiegend« ist das Zauberwort, das Kosmetikherstellern einen gesetzlich verankerten Spielraum für den Einsatz von Ingredienzien lässt, die neben verschiedenen kosmetisch erwünschten Funktionen auch antimikrobielle und damit produktkonservierende Eigenschaften aufweisen. So verhält es sich auch mit einigen Ringana-Produkten und denen unzähliger anderer Firmen. Der folgende Screenshot stammt aus dem Ringana-Produktbuch »haltbar bis« (2011)  und zeigt die INCI der »Sanften Reinigungsmilch«; drei Inhaltsstoffe habe ich grün markiert:

INCI eines Ringana-Produkts

Die 3 grün markierten Inhaltsstoffe sind Phenethyl Alcohol, Undecylenoyl Glycine und Capryloyl Glycine – 3 auf natürlichen Substanzen pflanzlicher Herkunft basierende kosmetische Rohstoffe, die neben anderen Eigenschaften vor allem eine haben: Sie wirken antibakteriell und/oder gegen Hefen und Schimmel. Man summiert diese Substanzen gerne unter dem Begriff »multifunktionale Additive«:

Frei von Konservierungsmitteln? Im formalen Sinne, d. h. im Sinne der Kosmetikverordung, stimmt diese Aussage. Im chemischen Sinne stimmt sie mitnichten – und das ist gut so. Nur mikrobiologisch einwandfreie kosmetische Produkte sind gut für unsere Haut.
Die Firma Dr. Hauschka geht übrigens einen ganz anderen Weg; ich finde auf der Webseite des Herstellers keine herausgestellten Produktclaims, die die Freiheit von Konservierungsmitteln betonen, obwohl dies formal möglich wäre. In den Fragen zu Inhaltsstoffen und Rezepturen wird der Frage, warum einige der kosmetischen Präparate Alkohol enthalten, mit einer klaren, ehrlichen Aussage begegnet: Er helfe, »auf chemisch-synthetische Konservierungsstoffe zu verzichten«.

Die am häufigsten verwendete Substanzgruppe, deren konservierende Eigenschaften in Kauf-Naturkosmetik genutzt werden, sind mehrwertige Alkohole, die zu den Polyolen gezählt werden: Ethanol (Weingeist) und Glycerol sind auch dem Selbstrührer vertraut. Auch viele ätherische Öle haben durch ihre phenolischen Verbindungen ein antimikrobielles Wirkstoffspektrum – Phenole werden ebenfalls zur Gruppe der Polyole gezählt. Gemeinsam ist diesen Stoffen, dass sie mehrere Hydroxygruppen enthalten – und dass sie multifunktionell sind: Sie duften (ätherische Öle), befeuchten (Glycerin, Sorbitol, Mannitol usw.), erfrischen und tonisieren (Ethanol) – und helfen, eine kosmetische Zubereitung mikrobiell zu stabilisieren.

Grundkontamination und Konservierungsreserve

Warum aber ist Konservierung so wichtig? Ich habe einige Grafiken vorbereitet, die die Kernbegriffe einer erfolgreichen Konservierung visualisieren sollen. Wichtig: diese Grafiken stellen nur das grundsätzliche Prinzip dar, sie sind kein Abbild echter Moleküle.

Konservierungsmittel-Molekül

Stellen Sie sich ein Konservierungsmolekül vor: Ich habe oben eins gezeichnet: es kann vier Mikroorganismen »greifen« und damit inaktivieren, sie also zuverlässig an der Vermehrung hindern. Dieses hier hat noch zwei »Ärmchen« frei. Die Emulsion ist sehr sauber hergestellt und die Grundkontamination, also die Besiedlung der Emulsion direkt nach Herstellung gering. Das eingebrachte Konservierungsmittel hat sogar noch eine Konservierungsreserve: wenn wir mit den Fingern in den Tiegel Creme greifen, bringen wir neue Keime mit ein. In dem hier demonstrierten Fall in der unteren Abbildung werden diese noch zuverlässig durch die freien Kapazitäten erfasst und deaktiviert – die Konservierung wirkt:

Prinzip der Konservierungsreserve

Nun schauen wir uns in der Abbildung unten ein anderes Szenario an: hier hat das Molekül im wahrsten Sinne des Wortes »alle Hände voll zu tun«. Die Grundkontamination der Emulsion ist durch eine nicht optimale Herstellung (oder die Verwendung von mikrobiell kontaminierten oder mit Schwebstoffen belasteten Rohstoffen) ungewöhnlich hoch. Auch wenn wir das Konservierungsmittel nach Angaben des Herstellers dosieren, sollten wir nie aus dem Auge verlieren, dass diese Angaben sich auf industrielle Produktionsprozesse beziehen, die nahezu steril ablaufen. Was passiert in der Emulsion?

Konservierungsmittel-Molekül

Die Emulsion ist stark kontaminiert; das Konservierungsmittel kann nicht mehr alle Mikroorganismen deaktivieren. Auch eine Konservierungsreserve fehlt: wenn hier noch zusätzliche Keimbelastungen auftreten (z. B. durch den Griff mit den Fingern in den Tiegel oder vorhandene organische Stoffe, die den Mikroorganismen einen perfekten Nährboden bieten – wie frisch hergestellte pflanzliche Gele), explodiert das Keimwachstum exponentiell.

Prinzip: Das Konservierungsmittel versagt, Folge ist Keimwachstum

Was ist mit W/O-Emulsionen?

Es gibt einen Emulsions-Typ, der Wasser enthält, aber dieses Wasser nicht als äußere, sondern in Form kleiner Tröpfchen als innere Phase aufweist: Wasser-in-Öl-Emulsionen, kurz »W/O«. Für diese Emulsionsform gilt tatsächlich, dass sie wesentlich stabiler gegen mikrobielle Kontamination ist als die wasserbetonten O/W-Emulsionen, die wir in der Regel herstellen. Dennoch empfehle ich auch hier zu konservieren, wenn Sie die Creme im Badezimmer über 4 Wochen (oder länger) verwenden möchten. Grund ist: W/O-Emulsionen »schwitzen« zum Teil Wasser aus, es können sehr geringe, kaum wahrnehmbare Mengen sein. Dieses Kondenswasser lagert sich auf der Oberfläche der Emulsion als feiner Niederschlag oder im Deckel des Behälters ab und ist schnell verkeimt. Zudem ist bei selbst hergestellten W/O-Emulsionen nicht immer sicher, dass sie wirklich in Reinform vorliegen. Bereits etwas Lecithin (vor allem Lysolecithin) kann eine Emulsion schnell in eine Mischemulsion verwandeln, und schon ist Keimfreiheit nicht mehr garantiert. Ein dritter Grund ist: Schimmel und Hefen genügt auch der geringe Restwassergehalt in manchen Buttern, um zu »wandern« – es stimmt nicht, dass reine Fettphasen nicht mikrobiell belastet sein können. Ein empfehlenswertes Konservierungsmittel für W/O-Emulsionen ist Alkohol; alternativ können Sie alle Konservierer vorher in die Wasserphase geben und diese dann einarbeiten. 80 °C vertragen alle uns verfügbaren Produkte.

Konservierung: Hilfen und vertiefende Informationen

Ich hoffe, ich konnte deutlich machen, dass wasserhaltige Produkte für den Einsatz im Badezimmer zuverlässig konserviert werden sollten und dass es keine wasserbetonten Emulsionen gibt, die völlig ohne antimikrobiell wirkende Substanzen auskommen – wohl aber Produkte, die nach der Kosmetikverordnung formal »frei von Konservierungsmitteln« sind. Moderne Methoden wie die Bestrahlung kosmetischer Mittel mit Licht bestimmter Wellenlängen, sterile Herstellungsverfahren und Abfüllanlagen usw. senken die Grundkontamination und lassen sehr geringe Dosierungen an Substanzen mit konservierenden Eigenschaften zu, zweifelsfrei – völlig ohne geht es nicht. Dies ist im Sinne des Verbrauchers, denn weitaus schlimmer als eine leichte Konservierung ist ein verkeimtes kosmetisches Produkt mit erheblichen Auswirkungen auf die Hautgesundheit.

Für uns Selbstrührer bedeutet dies: Wir müssen sorgfältig konservieren – oder wir rühren unsere O/W-Emulsionen in Abständen von wenigen Tagen frisch, holen uns die Creme morgens und abends aus dem Kühlschrank und entnehmen sie konsequent mit dem Spatel. In einen Airlessspender abgefüllt können Sie, wenn Sie sehr sauber gearbeitet haben, die Einsatzkonzentration von konservierend wirkenden Substanzen reduzieren. Wenn Sie Ihre Creme mit 15 % reinem Alkohol auf Wasserphase herstellen, ist sie formal frei von Konservierungsmitteln. Das alles können praktikable Lösungen sein. Wählen Sie Ihre. 🙂

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© Fotografie: Daniel Fuhr, Forschung und Entwicklung, www.fotolia.com