Hautpflegewissen

Pflege-Strategien für die kalte Jahreszeit

Herbstcreme

Die Tage werden kürzer, und wer morgens aus dem Haus geht, spürt: Es ist eindeutig Herbst geworden. Noch ist meine Haut in guter Kondition, aber der nahende Winter erinnert mich daran, meine bewährten Rezepturen anzupassen. Es ist Zeit für schützende und feuchtigkeitsbindende Formulierungen, die der Haut helfen, Kälte und trockener Heizungsluft zu trotzen. In diesem Beitrag möchte ich Ihnen Möglichkeiten aufzeigen, Pflegeprodukte zu planen, die der Haut über die dunkle, kalte Jahreszeit helfen.

In der kalten Jahreszeit ergibt sich eine besondere Situation für unsere Haut: Die sinkenden Temperaturen verfestigen das Hautsebum und bewirken in Folge seine schlechtere Spreitung auf der Hautoberfläche; Lücken im Hydro-Lipid-Film lassen hauteigenes Wasser schneller verdunsten. Trockene Heizungsluft, d. h. geringe relative Luftfeuchtigkeit in Innenräumen verstärkt den transepidermalen Wasserverlust. Die im Sommer effektiv feuchtigkeitsbindenden, niedermolekularen Substanzen wie Glycerin, Sodium PCA und Natriumlaktat sind in diesem Kontext alleine nicht mehr ausreichend wirksam, weil ihre wasserbindenden Fähigkeiten relativ zur sinkenden relativen Luftfeuchtigkeit abnehmen. Dies gilt insbesonder für typische, wasserbetonte Feuchtigkeitscremes, die aufgrund ihrer angenehmen Haptik von Verbraucherinnen bevorzugt werden. Eine typische Reaktion ist in diesem Fall das Bedürfnis, häufiger nachzucremen – mit fatalen Folgen: Verdunstet das Wasser aus einer solchen Emulsion, konzentrieren sich die gelösten Wirkstoffe in der Epidermis auf und können die Neigung zu Hautirritationen verstärken. Rötungen und Juckreiz sind die Folge. Bewährte Klassiker in der Riege der »Wintercremes« sind W/O-Emulsionen auf Basis von Lanolin, Bienenwachs und Öl – perfekt für alle, die reichhaltige Formulierungen schätzen. Ich tue es nicht, und ich kenne viele Frauen, die sich auch in Herbst und Winter Pflegeprodukte mit haptisch leichter und dennoch schützender Textur wünschen. Dies ist kein Widerspruch – wir können solche Produkte planen. 🙂

Planungsstrategien im Winter

In der kalten Jahreszeit muss das gesamte Pflegekonzept angepasst werden, und dies bedeutet, neben feuchtigkeitsbindenden Substanzen barriereschicht-regenerierende, leicht okklusiv (d. h. abdichtend) wirkende Lipide einzuplanen, die das Wasser in der Haut halten. Dies gilt insbesondere dann, wenn man – wie ich – keine hohen Fettphasen im Gesicht erträgt. Das, was an Menge fehlt, muss dort eine sorgfältige Planung der Lipidkomponeten ausgeglichen werden. Das bedeutet konkret:

  1. Heben Sie die Fettphase Ihres bewährten Pflegeprodukts leicht an. Für normale Produkte, die Sie bevorzugt in Innenräumen und in kurzen Aufenthalten im Freien verwenden (ich grenze diese bewusst von wasserarmen Hautschutzprodukten für lange Winterspaziergänge im Freien ab!), reicht eine Fettphasenerhöhung auf ca. 25–28 %, wenn Sie im Sommer mit leichten Fluids zurecht gekommen sind. Das Fettsäurespektrum Ihrer Ölmischung sollte im Vergleich zu den Sommer-Rezepturen mehr Palmitinsäure mit Anteilen an unverseifbaren Bestandteilen und Palmitoleinsäure einplanen. Sehr schöne Winteröle sind u. a. Avocadoöl, Marulaöl, Macadamianussöl, Baobaböl und Jojobaöl. Ein Zusatz an schützender Sheabutter, alternativ 2 % Unverseifbares der Avocado oder Lanolin sollte, wenn möglich, nicht fehlen. Nachts kann man diese Emulsion dann mit linolsäurereichen, regenerierenden Ölen in der Handfläche anreichern – so mache ich es seit Jahren.
    Wer ganzjährig fettreiche Emulsionen bevorzugt, muss sich nicht umstellen und orientiert sich selbstverständlich an der bewährten Fettphasenhöhe.
  2. Verwenden Sie als Wirkstoffzusatz unbedingt Fettstoffe, die einen hohen Schmelzpunkt haben, sich an die Hornzellen in der Epidermis binden und die Haut nach außen leicht abschirmen. In diesem Kontext empfehle ich Ihnen meine bewährte Barriereschutzbasis – sie kombiniert schützende Ceramide sowie feuchtigkeitsbindende Phytosterole aus dem Avocadoöl mit antioxidativ wirkender Ferulasäureestern aus Reiskeimöl und mit Palmitinsäure verestertem Vitamin C. Ich verwende sie im Winter 1%ig, Sie können sie nach Wunsch auch höher dosieren. Wer die Barriereschutzbasis nimmt, kann eventuell auf Buttern verzichten. Bei sehr trockener Haut ist ein Zusatz von 0,5 % Wachs eventuell eine gute Wahl – Mimosenwachs ist, niedrig dosiert, haptisch absolut »unwachsig«, versuchen Sie es einmal!
  3. Kombinieren Sie in der Wirkstoffphase niedermolekulare Feuchtigkeitsbinder mit hochmolekularen. Das bedeutet konkret: Planen Sie eine sinnvolle Zusammenstellung an bewährten Hydratisierern wie Glycerin, Sodium PCA, Urea, Natriumlaktat, Glycinbetain usw. und ergänzen Sie sie mit Xanthan, normaler (hochmolekularer) Hyaluronsäure oder einem anderen Polysaccharid. Grund: Letzere bilden einen feinen, elastischen Film auf der Haut, der das Wasser auch bei niedriger Luftfeuchtigkeit in der Haut hält, wenn die niedermolekularen Wirkstoffe ihre Fähigkeit zur Feuchtigkeitsbindung verlieren. In Kaufkosmetik finden Sie z. B. sehr gerne nieder-  mit hochmolekularer Hyaluronsäure kombiniert. Nun kennen Sie den Grund: Beide decken verschiedene Anwendungssituationen in einem weit gefassten relativen Luftfeuchtigkeitsspektrum ab. Tipp: Auch das neue Bergamuls® ET-1 ist hier (mit 1–2 %) sehr sinnvoll als Kombipartner eingesetzt.

Meine Basisrezeptur

Verstehen Sie bitte die folgende Basisrezeptur als Vorschlag. Sie variiert ein Emulsionskonzept, das sich bei mir und einigen anderen Frauen mit trockener, feuchtigkeitsarmer Haut seit Monaten sehr bewährt. Ich habe die Grundformulierung bewusst stark vereinfacht – so können Sie darauf aufbauend eigene Rezepte entwickeln und die Rohstoffe berücksichtigen, die Sie verfügbar haben. Die intensiv schützende Wirkung ergibt sich allerdings durch meine Barriereschutzbasis und das hydrierte Lecithin; beide sind nach hautphysiologischen Aspekten ausgewählt. Ich verspreche Ihnen: Es lohnt sich, in diese Rohstoffe zu investieren. 🙂

Schützendes Gesichtsfluid | 25 % Fettphase
(50 g Emulsion)

Phase A

  • 9,0 g Öle  nach Wunsch
  • 1,4 g Sheabutter
  • 0,5 g Barriereschutzbasis
  • 0,5 g Phospholipon® 80 H

Schmelzen Sie die Barriereschutzbasis zunächst mit einem stabilen Öl klar auf – sie braucht bisweilen 95 °C – und geben Sie dann die anderen Öle und – nach Abkühlung auf ca. 70–80 °C –  Phospholipon® 80 H hinzu. Alles muss  klar aufgeschmolzen sein..

Phase B

  • 33,0 g Wasser
  • 1,0 g Ester de Sucre

Erhitzen Sie das vorher gut abgekochte Wasser auf ca. 80 °C und dispergieren Sie das Sucrosestearat (Ester de Sucre) darin. Geben Sie nun PHASE B unter Rühren zu PHASE A und homogenisieren Sie sie möglichst hochtourig (1 Minute mit Stabmixer oder Dremel, 4 Minuten mit einem kräftigen Handrührgerät). Rühren Sie sanft und ohne Wasserbad (!) bis auf Handwärme.

Phase C

  • 4,0 g hydratisierende Wirkstoffe nach Wunsch (siehe im grauen Kasten unten), davon 1 g Glycerin
  • 0,1 g Xanthan

Dispergieren Sie das Xanthan optimal in ein wenig Glycerin. Geben Sie eventuell weitere Wirkstoffe separat als Vormischung in ein Schälchen zusammen. Die Glycerin-Xanthan-Mischung und die weiteren Wirkstoffe werden nacheinander zu PHASE A/B  gegeben und jeweils kurz hochtourig eingearbeitet. Dann wird die Emulsion sanft kalt gerührt.

Phase D

  • 0,5 g Rokonsal™ BSB-N
  • Milchsäure zum Einstellen des pH-Werts

Konservieren Sie die Emulsion und stellen Sie sicher, dass der pH-Wert bei ca. 5–5,4 liegt.

Zur Auswahl der hydratisierenden Stoffe:  Glycerin, Urea, Sodium PCA, Natriumlaktat, Glycinbetain (TEGO® Natural Betaine), Hyaluronsäure (niedermolekular) plus Hyaluronsäure (hochmolekular), Aloe-Vera.

Variationen der Basisrezeptur

Sie können die Emulsion in ihrer Konzeption variieren:

  • Wenn Sie 30 % Fettphase wünschen, ergänzen Sie einfach 2,5 g Öle und/oder Buttern und berechnen die um 2,5 g reduzierte Wasserphase mit 30,5 g. Sie können auch etwas Mimosen- oder ein anderes Wachs einplanen (ca. 0,5 g).
  • An Wirkstoffen sind auch 0,5 % (0,25 g) hautberuhigendes Panthenol oder Tocopherol denkbar.
  • Im Winter verwende ich grundsätzlich geringere Anteile an alkoholischen Pflanzenextrakten, weil diese Fette lösen. 1–3 % (0,5–1,5 g) sind ein guter Wert. Hautberuhigende, Rötungen mildernde Extrakte sind u. a. solche aus Mäusedorn, Süßholzwurzel, Rose. Meine Extrakte setze in einer Mischung aus Alkohol, Glycerin und Wasser an. Als sehr effektiv empfinde ich 0,5–1 % (hier 0,25–0,5 g) meiner Aloe-Vera-200:1-Basis!

Ich wünsche Ihnen Freude am Ausprobieren, Variieren, Konzipieren Ihrer eigenen Herbst- und Winterpflege! Vertiefende Informationen zur Biochemie dieses Konzepts finden Sie in diesem wunderbaren Buch von Hans Lautenschläger, das mich in meiner eigenen Rezeptentwicklung deutlich professionalisiert hat.