Emulsionen herstellen
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Emulgatoren: Dr. Jekyll oder Mr. Hyde?

Creme mit Xyliance

Emulgatoren verbinden Fett und Wasser – sie sind es, die uns die Herstellung üppiger Cremes, sahniger Lotionen und seidiger Fluids ermöglichen. Gleichzeitig haftet ihnen ein schlechter Ruf an: das Statement »Meine Pflege ist emulgatorfrei« gilt nicht wenigen als erstrebenswerter (Selbstrührer-)Zustand, für sie hat sich der Verzicht auf Emulgatoren tatsächlich als persönlicher Königsweg herauskristallisiert. Andere wiederum müssen die Erfahrung machen, dass ihre Haut mit emulgatorfreier Pflege so gar nicht zurechtkommt. Warum ist das so?
In diesem Beitrag möchte ich einen vertieftenden Blick auf Emulgatoren werfen – ich bin mir sicher, Sie werden sie danach anders, in jedem Falle differenzierter betrachten.

Der hauteigene Hydro-Lipid-Film

Quelle der Abbildung (leicht geändert): Eberhard Heymann: Haut, Haar und Kosmetik. Verlag Hans Huber, 2003, S. 43

Ein guter Startpunkt, um Pflegestrategien zu bewerten, ist ein Blick auf hauteigene Prozesse: wie versorgt sich intakte Haut mit Fett und Feuchtigkeit, welche Substanzen befinden sich in hauteigenen Lipiden? Die folgende Abbildung zeigt die dominierenden Komponenten der Fette, die sich auf der Hautoberfläche befinden; die prozentuale Gewichtung kann deutlich schwanken. Betrachten Sie die Angaben daher als Durchschnittswerte.

Alle Komponenten stammen aus hauteigener Produktion, vorwiegend aus den Talgdrüsen, dem sogenannten Sebum, teilweise aus den Fetten, die die Barriereschicht der Haut bilden (dies sind primär Cholesterin und seine Ester). Grün markiert sind hier die hauteigenen Emulgatoren, das sind im Wesentlichen Fettsäuren, Diglyceride und Cholesterin. Sie erfüllen eine wichtige Funktion, denn sie erzeugen aus den Hautfetten (im Diagramm gelb dargestellt) und dem aus dem Schweiß stammenden Wasser eine Emulsion, die die Hautoberfläche intensiv benetzt, sich auf ihr ausbreiten (spreiten) kann und das hauteigene Wasser an sich bindet. Normale, gesunde Haut verfügt also über eine ausreichende Menge an hauteigenen Emulgatoren; sie ist mit emulgatorfreien Pflegekonzepten (z. B. einem Ölgel oder Hautöl, auf feuchter Haut aufgetragen) wunderbar bedient. Anders stellt sich dies bei Hautsituationen dar, die durch eine mangelnde Produktion an hauteigenen Fetten und Emulgatoren geprägt ist. Wenn wir nun eine reine Ölmischung auftragen (gerne auch hier auf feuchter Haut), kann diese Ölmischung die Haut nur unzureichend benetzen; die in vielen Ölen enthaltenen, wohltuenden, koemulgierenden Phospholipide und Phytosterole reichen in diesem Fall nicht aus. Betroffene kennen das Gefühl: die Haut scheint unter dem Ölfilm zu vertrocknen, das angebotene Wasser verdunstet und hinterlässt ein unangenehm trockenes, »unversorgtes« Hautgefühl. Aus dieser Perspektive betrachtet wird deutlich, dass Emulgatoren eine sehr wichtige Funktion in einer hautphysiologischen Hautpflege einnehmen: sie sind es unter anderem, die Wasser binden und die Haut vor übermäßigem Wasserverlust schützen, die Grenzflächenspannung der Fett-Wasser-Mischung auf der Hautoberfläche senken, sodass sie einen lückenlosen Film auf der Hautoberfläche ausbildet. Es stellt sich die berechtigte Frage, warum Emulgatoren grundsätzlich negativ bewertet und ganze Kosmetik-Konzepte werbewirksam als »emulgatorfrei« ausgelobt werden. Gibt es sie – emulgatorfreie Cremes?

Emulgatorfrei?

Emulgieren bedeutet zunächst einmal, dass nicht mischbare Substanzen (im kosmetischen Kontext in der Regel Fette und Wasser) zu einer Emulsion verbunden werden. Dies erfordert Substanzen, die hydrophile (wasserliebende) und lipophile (fettliebende) Molekülteile aufweisen, um die heterogenen Komponenten zu verbinden: Emulgatoren.

Emulgatormolekül

Dabei ist zunächst nichts über die chemische Struktur der ambiphilen Moleküle ausgesagt. Gehen wir vom grundsätzlichen Prinzip eines Emulgators aus, gibt es tatsächlich keine emulgatorfreien Emulsionen.Wenn Sie eine übliche Creme oder Lotion kaufen, enthält dieses Produkt emulgierende Stoffe. Das ist so. Die Emulsionsstrukturen, die Emulgatoren ausbilden, können unterschiedlich sein, das stimmt.

Schauen wir uns ein solches Produktkonzept einmal genauer an. Exemplarisch wähle ich eine Gruppe an sogenannten Basiscremes diverser Anbieter, die der Kunde mit eigenen Wirkstoffen ergänzen kann; auch die Hobbythek hat mit ihren »Cremaba«-Varianten solche Produkte im Angebot. In ihren Inhaltsstoffen sind diese Basiscremes weitgehend identisch sind und auf einer sehr sinnvollen und hautphysiologischen Mischung an Lipiden basieren, darunter

  • Triglyceride aus pflanzlichen Ölen,
  • Phytosterole aus Sheabutter,
  • Ceramide,
  • Squalan und
  • hydriertes Lecithin.

Als Feuchtigkeitsspender werden u. a. Pentylene Glycol, bisweilen auch Propylenglycol verwendet. Sie befinden sich in der Regel an prominenter 3. (und 4.) Stelle in den INCI – und hier haben wir schon einmal die antimikrobiell wirkenden, konservierenden Substanzen. 😉 Beide sind übrigens nicht unumstritten, werden jedoch gerne statt biologischem Weingeist eingesetzt, weil sie zum einen preisgünstiger sind und zum anderen zusätzliche hydratisierende Eigenschaften haben, die reiner Alkohol nicht aufweist. Die Produktaussage »ohne Konservierungsmittel« nutzt demnach den durch die Kosmetikverordnung möglichen Spielraum, wie ich ihn in diesem Blog-Beitrag beschrieben habe.

Betrachten wir nun einmal die INCI genauer: Hydrogenated Lecithin, hydriertes Lecithin, ist in diesem Falle Phospholipon® 80 H, ein natürlicher Emulgator, der aus Sojaöl gewonnen wird. Das ist der Stoff, der Fett und Wasser zusammenhält und in Anwesenheit von Wasser spontan lamellare (schichtartige) Strukturen ausbildet.

Flüssig-kristalline Gelphase, 3-fach

Ein entsprechendes, mit Hochdruck arbeitendes Herstellungsverfahren optimiert diese Emulsionsstruktur und erlaubt eine Cremegrundlage, die zwischen diesen Lamellen gewisse Anteile an wässrigen oder öligen Substanzen aufnehmen kann, ohne dass die Emulsion bricht. Diese Strukturen durchziehen die gesamte Wasserphase. Die Darstellung oben zeigt dieses Prinzip: Auf diese Weise kann eine industriell produzierte, fertig gekaufte Basiscreme mit weiteren Wirkstoffen nach Wunsch ergänzt und »frisch angerührt« werden. Wer kein Interesse am Selbstrühren hat, findet in diesem Konzept durchaus eine sinnvolle und seriöse Pflege-Alternative. Unabhängig davon: auch dieses Konzept verwendet einen Emulgator. Es ist nicht emulgatorfrei. Parfum ist in den Basiscremes tatsächlich nicht enthalten. Lesen wir die ursprünglichen Produktaussagen, erweisen sich 2 der 3 Behauptungen (wenn auch im gesetzlich legitimen Rahmen) chemisch und physikalisch gesehen als nicht korrekt: Wir haben Rohstoffe mit kosnervierenden und emulgierenden Eigenschaften in den Produkten.

Emulgator ist nicht Emulgator

Was Firmen wie oben exemplarisch genannte durch ihre Produktauslobung wirklich betonen, ist, dass sie auf einen bestimmten, tatsächlich sehr kritischen Emulgator-Typ verzichten: auf synthetische, mineralöl- und PEG-basierte Emulgatoren. Auf der Webseite Dermaviduals® wird daher ganz richtig formuliert, die DMS®-Basiscremes »enthalten keine konventionellen Emulgatoren mehr« – die Betonung liegt auf dem Wort »konventionell«.

Der Unterschied ist ein wesentlicher:

  • Mineralölbasierte, synthetische Emulgatoren basieren auf Fetten, die nicht hautphysiologisch sind. Das bedeutet konkret: sie können durch hauteigene fettspaltende Enzyme (Lipasen) nicht verstoffwechselt werden und dringen in völlig intakter Form in die obersten Hautschichten ein. Dort bleiben sie, bis ein späterer Wasserkontakt (z. B. durch Duschen) sie erneut mit hauteigenen Fetten emulgiert und diese ausspült. Auf Dauer können synthetische Emulgatoren daher Tendenzen von Hauttrockenheit verstärken. Weil viele von ihnen in der Herstellung zudem ökologisch umstrittene Substanzen und Verfahren erfordern, sind sie in der Naturkosmetik (zu Recht) verpönt.
  • Die naturkosmetischen klassischen Emulgatoren, die wir in unserer Herstellung von Naturkosmetik einsetzen, basieren alle ausnahmslos auf pflanzlichen (oder, im Falle von Lanolin oder Wollwachsalkohol auf tierischen) Fetten, die den Lipiden in unserer Haut ähneln und daher von hauteigenen Enzymen gespalten werden können. Sobald wir eine Emulsion auftragen, werden sie wie Hautlipide verstoffwechselt und haben dann keine ausgeprägte Emulgatorfunktion mehr, weil die Emulgatormoleküle gespalten und lipophile und hydrophile Molekülbestandteile getrennt werden. Die leicht emulgierende Wirkung einer Stearinsäure oder eines Fettalkohols wird durch ihre Lipophilie und ihre rückfettende Wirkung deutlich gemildert. Wer klassische Emulgatoren wie Glycerin-, Sucrose- oder Sorbitanstearate, Cetearyl Glucoside usw. gut verträgt, muss nicht auf sie verzichten. Wichtig ist dennoch, ihre Dosierung im Blick zu haben, da Emulgatoren grundsätzlich mit hauteigenen Prozessen in Wechselwirkung treten können (es sind eben durch ihre emulgierenden Eigenschaften »aktive« Substanzen) und unser Ziel ist, diese Prozesse möglichst wenig zu stören.
  • Von natürlichen Emulgatoren wie Lecithinen, Sterolen und Phytosterolen profitieren viele Selbstrührer in besonderem Maße, weil ihre Emulsionsstrukturen noch stärker als die klassischen Emulgatoren dem Aufbau biologischer Membrane ähneln und von vielen ausgezeichnet vertragen werden. Eine Alternative zeigt sich auch darin, klassische Emulgatoren mit natürlichen zu mischen: beide sind so niedrig dosierbar und ermöglichen die Konzeption hautphysiologischer und pflegender Produkte.

Fazit

Ob eine kosmetische Emulsion mit oder ohne naturkosmetische Emulgatoren konzipiert ist, sagt zunächst nichts über ihre Hautphysiologie und ihre kosmetische Eignung aus. Das Gesamtkonzept, die konkret enthaltenen Ingredienzien, ihre Dosierung und Ihre individuelle Hautsituation entscheiden, ob ein Produkt ein sinnvoll konzipiertes darstellt. Lassen Sie sich nicht beirren: was einem anderen gut tut, muss nicht Ihr Königsweg sein. Manchmal genügt ein wenig Lecithin in einem Hydrodispersionsgel oder einer Schüttellotion, um ihre Wirkung spürbar zu steigern – probieren Sie es aus. Anderen wiederum reicht etwas Öl über Hydrolat – wunderbar. Dritte jedoch mögen eine klassische Creme und profitieren sehr davon. Jeder dieser Wege ist legitim.

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