Im Frühjahr 2012 wird mein neues Buch erscheinen: Das Handbuch kombiniert verständlich
aufbereitete Theorie mit fundierter Herstellungspraxis und lädt mit über 100 Naturkosmetikrezepten
zum Nachrühren und Selbstentwickeln ein. Sie können es bereits beim
Verlag oder bei Amazon vorbestellen.
Ein Faktor, der die Zusammenstellung einer Ölkombination in einer
naturkosmetischen Formulierung prägt, ist das Spreitverhalten pflanzlicher
Lipide. Das Spreitverhalten beschreibt ihr Verhalten, sich nach dem Auftragen
auf der Haut von selbst auszubreiten. Der Spreitwert berechnet sich aus
der Fläche
in Quadratmillimetern, die eine bestimmte Menge einer Ölkomponente
innerhalb von 10 Minuten bedeckt, er lässt
sich folglich nur für bei Raumtemperatur flüssige Fette ermitteln.
Wesentliche Faktoren für gute Spreiteigenschaften eines Öls
sind (neben anderen) Viskosität und Oberflächenspannung:
Lipide mit niedriger Viskosität und geringer Oberflächenspannung
breiten sich schneller auf der Unterlage aus als hochviskose Öle.
Folgende Grafik soll die Fähigkeit des Spreitens in Abhängigkeit
von Viskosität und Oberflächenspannung visualisieren:
Spreitverhalten: Abbildung eines Öltropfens auf der Hautoberfläche
In der kosmetischen Industrie ist der Spreitwert einer Lipidkomponente
ein wesentlicher Faktor für die Konzeption von Emulsionen, die den
Verbraucher-Erwartungen entsprechen: sie sollen sich angenehm auftragen
lassen und im Hautgefühl leicht und kaum fettend wirken, zudem wird ein
lange anhaltendes Glättegefühl auf hohem Niveau gewünscht.
Dr. U. Zeidler unterscheidet niedrigspreitende (unter 300 mm² /10min),
mittelspreitende (ca. 300 bis 1000 mm² /10min)
und hochspreitende Öle (oberhalb 1000 mm² /10min); Dr. Achim Ansmann
definiert die mittelspreitenden Lipide zwischen 500 und 1000 mm² /10min.
Um eine Rezeptur zu optimieren, können Öle nach ihrem Spreitverhalten
kombiniert werden. So gewährleistet eine Emulsion, die aus schnell,
mittel und langsam spreitenden Ölen zusammen gesetzt ist, ein angenehmeres
Auftragsverhalten und Hautgefühl als Emulsionen aus nur einem Öl
sowie intensivere, länger anhaltende Pflege. Dr. Achim Ansmann
hat dafür den Begriff der Spreitkaskade geprägt.
Rezepturen, die nicht alle »Spreiter« berücksichtigen,
weisen in der Regel eine Spreitlücke auf, d. h. es fehlt
eine Komponente mit einer spezifischen Wirkung, die die Dauer oder Schnelligkeit
des Glättegefühls bestimmt, sich jedoch auch haptisch bemerkbar
macht. Hier sehen Sie eine Kombination an schnell (hoch-), mittel und langsam
(niedrig-)spreitenden Ölen zu einer Spreitkaskade:
Eine Spreitkaskade aus schnell, mittel und langsam spreitenden Ölen.
Kurz zusammengefasst können wir die Eigenschaften von kosmetischen
Lipiden nach ihrem Spreitwert wie folgt einteilen:
Hochspreitende Öle (»schnelle Spreiter«)
verteilen sich sehr gut, dringen rasch in die Vertiefungen der Hautoberfläche
ein und erzeugen ein schnelles Glättegefühl, das jedoch ebenso schnell
wieder auf das alte Niveau zurückfällt. Angenehm ist die kaum fettende,
sehr leicht wirkende Haptik einer Emulsion bei einem höheren Anteil an schnell
spreitenden Lipiden. Diese Öle werden bevorzugt für niedrigviskose Lotionen,
Cremegele, Haut- und Badeöle, Handcremes und andere »trockene«
Formulierungen eingesetzt.
Niedrigspreitende Öle (»langsame Spreiter«)
führen zu einem deutlich geringer ausgeprägten Glättegefühl,
das jedoch lange anhält. Sie werden bevorzugt für Nachtcremes,
Babypflege, Hautcremes und rückfettende Präparate eingesetzt.
Ihre geringe Spreitfähigkeit prädestiniert sie für
Pflegepräparate am Auge – sie kriechen nicht in die
empfindlichen Schleimhäute. Ihr haptisches Fettungsvermögen
ist ausgeprägt.
Mittel spreitende Öle (»mittlere Spreiter«)
verteilen sich gut, zeigen ein angenehmes Einziehverhalten und glätten über
einen deutlich längeren Zeitraum. Sie füllen kosmetisch die Lücke
zwischen niedrig- und hochspreitenden Lipiden und können daher eine
breite Palette an Produkten bedienen. Der Grad ihrer haptischen Fettung
liegt im mittleren Bereich.
Sowohl das Modell von Dr. U. Zeidler als das von Dr. Achim Ansmann
beziehen sich primär auf industriell konzipierte Lipidkomponenten.
Native pflanzliche Öle sind, verglichen mit den gezielt komponierten Estern der konventionellen
Kosmetikindustrie, bis auf wenige Ausnahmen gemäß dieser Einteilung
niedrig-, also langsam spreitend und fetten haptisch deutlich stärker
als leichte, synthetische Lipide. Unsere »Schnellspreiter« wie
Squalan, Kokos- oder Babassuöl gelten innerhalb Zeidlers und Ansmanns
Systematik lediglich als mittelspreitende Lipide; hochspreitende
Komponenten fehlen unter den uns verfügbaren natürlichen Ölen
völlig. Daraus resultiert u. a. die Schwierigkeit im Naturkosmetik-Sektor
und als »Selbstrührer«, viskose Cremes mit angenehm
leichter, nicht oder wenig fettender (»klebender«) Haptik
zu erzeugen – hier fehlen superleichte, hochspreitende Ester,
die die konsistenzgebenden Fettalkohole und Emulgatoren im Auftragsverhalten
ausgleichen und die Gesamtformulierung geschmeidiger, leichter wirken lassen.
Im naturkosmetischen Bereich interessieren uns vor allem die Spreiteigenschaften
von pflanzlichen Ölen, auch wenn uns mittlerweile einige Esteröle
auf pflanzlicher Basis zur Verfügung stehen. Naturkosmetik-Firmen (Dr. Hauschka,
Lavera, Laveré u. a.) verwenden BDIH- bzw. ecocertkonforme
Ester auf Basis von Glycerin und der C8-Fettsäure Caprylinsäure
aus Kokosöl wie z. B. Tricaprylin (Dermofeel® MCT)
oder Diacaprylyl Ether (Cetiol® OE), auch als »Glycerinöl« bezeichnet,
beide mit einem sehr hohen Spreitwert von 1600, um besonders leichte
und nicht fettende Formulierungen zu konzipieren. Wir verwenden ebenfalls u. a. Neutralöl
(ein MCT-Öl), Dermofeel® sensolv sowie Squalan als hochspreitende Lipide; den Kern
unserer Formulierungen stellen jedoch native Öle dar.
Der persönliche Austausch mit Dr. Achim Ansmann hat mich inspiriert und ermutigt,
pflanzliche Öle nach eigenen Kriterien zu unterteilen:
Das naturkosmetische Spreitmodell nach Olionatura®
Da unsere selbst gemachte Naturkosmetik im Kern auf native Öle setzt, macht es
Sinn, eine eigene, auf naturkosmetisch geeignete Lipidkomponenten zugeschnittene
Systematik zu entwickeln, die den charakteristischen Eigenschaften dieser natürlichen
pflanzlicher Öle Rechnung trägt und die Unterschiede im Spreitverhalten
innerhalb der gegebenen Varianzen kategorisiert. Ausgehend von den uns
verfügbaren Lipiden mit sehr hohem Spreitwert können wir unsere Öle
gemäß vorhandener »Sprünge« im Spreitverhalten
in eine eigenständige Systematik fassen. Die Zuordnung der Öle
in den Ölportraits orientiert sich nach diesem neuen, speziell auf
naturkosmetische Formulierungen ausgerichteten Spreitmodell von Olionatura,
das ich Ihnen hier präsentiere:
mittelspreitend (naturkosmetisch mittlere Spreiter): alle Öle
mit (im kosmetischen Sinne) langen, primär ungesättigten C-Ketten
(Mandelöl,
Avocadoöl,
Nachtkerzenöl
usw., ab C16:1/C18:1, C18:2, C18:3)
niedrigspreitend (naturkosmetisch langsame Spreiter): Pflanzenbuttern
und Öle mit langen, gesättigten C-Ketten (ab C18:0), Sheaöl,
Shea paradoxa subsp. nilotica
Neu in diesem Modell ist u. a. die Entscheidung, pflanzliche Buttern
in die Systematik mit hineinzunehmen, auch wenn sie bei Zimmertemperatur
nicht flüssig sind. Der Grund ist, dass unserer naturkosmetischen
Formulierungen pflanzlichen Buttern als pflegende, kosmetische Lipidkomponente
einen hohen Stellenwert zuschreiben und wir sie gleichberechtigt neben
Ölen einsetzen, teilweise (wie in Oleogelen oder »Bodybutter«, aber auch
in Emulsionen) in sehr hohen Konzentrationen.
Im Gegensatz zu Rezepturen mit synthetischen Lipiden gewährleistet
eine Spreitkaskade mit pflanzlichen, nativen Ölen nicht nur ein oberflächlich
angenehm und langanhaltend wirkendes Glättegefühl, sondern optimiert die Emulsion
auch hinsichtlich ihrer pflegenden Eigenschaften, da sie unterschiedliche Fettsäuren
und Fettbegleitstoffe gewährleistet. Konkrete Hilfe bei der Planung von Spreitkaskaden
mit pflanzlichen Ölen finden Sie in dieser Beschreibung geeigneter
Ölkombinationen.
Spreitangaben im Internet
Den bisweilen im Internet vorgenommenen Zuordnungen des Spreitverhaltens
für pflanzliche Öle auf privaten Webseiten fehlt ein Bezugssystem,
sie sind leider völlig willkürlich gesetzt. Links ist die Angabe zu Sheabutter,
rechts die zu Distelöl als Screenshot einer privaten Webseite festgehalten:
Wer eine Emulsion einmal mit Sheabutter, einmal mit Distelöl herstellt,
wird sofort in Haptik und Auftragsverhalten spüren, dass die Einordnung
von Sheabutter als »schneller Spreiter« (links) und die von Distelöl
als »langsamer Spreiter« (rechts) nicht korrekt sein kann.
Die hochviskose, reichhaltige Pflanzenbutter verteilt sich wesentlich schwerer und
hinterlässt einen deutlich rückfettenden Film, während das leichte Distelöl
sich ungleich geschmeidiger aufträgt und kaum rückfettet.
Fazit
Als Konsequenz aus der Tatsache, dass pflanzliche Öle in ihrer
Charakteristik haptisch fettender und »reichhaltiger« sind
als konventionell genutzte Öle
aus der Kosmetikindustrie, bleibt uns die Möglichkeit, durch die
Auswahl eines geeigneten Emulsionssystems, durch eine gezielte Komposition
der Fettphase mit Betonung auf uns verfügbaren schnellen Spreitern
haptisch angenehme und wirkungsvolle Pflegeprodukte zu konzipieren.
Quellenangaben und weiterführende Informationen
Dr. U. Zeidler, Über das Spreiten von Lipiden auf der Haut.
Fette, Seifen, Anstrichmittel Nr. 10/1985, S. 403–408
Dr. Achim Ansmann: Systematik und Einsatz kosmetischer Grundstoffe. E
mollients. Seminarunterlagen der Firma Cognis, persönlich zur
Verfügung gestellt.
Dr. Achim Ansmann, persönliche Informationen.
Christina Ballmann: Entwicklung und Charakterisierung halbfester Zubereitungen auf der Basis von Triglyceriden. Dissertation. Kiel, 2006
Prof. Dr. Gerd Kutz: Formulierungskonzepte für Emulsionen – ausgewählte Beispiele. Seminarmaterial. Detmold, 2007