Beiträge und Informationen im Kontext

Quellen und Literatur

  1. Dr. U. Zeidler, Über das Spreiten von Lipiden auf der Haut. Fette, Seifen, Anstrichmittel Nr. 10/1985, S. 403–408
  2. Dr. Achim Ansmann: Systematik und Einsatz kosmetischer Grundstoffe. Emollients. Seminarunterlagen der Firma Cognis, persönlich zur Verfügung gestellt.
  3. Dr. Achim Ansmann, persönliche Informationen.
  4. Christina Ballmann: Entwicklung und Charakterisierung halbfester Zubereitungen auf der Basis von Triglyceriden. Dissertation. Kiel, 2006
  5. Prof. Dr. Gerd Kutz: Formulierungskonzepte für Emulsionen – ausgewählte Beispiele. Seminarmaterial. Detmold, 2007

Weitere Ressourcen

 

Das naturkosmetische Spreitmodell

Ein Faktor, der die Zusammenstellung einer Ölkombination in einer naturkosmetischen Formulierung prägt, ist das Spreitverhalten pflanzlicher Lipide. Das Spreitverhalten beschreibt ihr Verhalten, sich nach dem Auftragen auf der Haut von selbst auszubreiten. Der Spreitwert berechnet sich aus der Fläche in Quadratmillimetern, die eine bestimmte Menge einer Ölkomponente innerhalb von 10 Minuten bedeckt, er lässt sich folglich nur für bei Raumtemperatur flüssige Fette ermitteln. Wesentliche Faktoren für gute Spreiteigenschaften eines Öls sind (neben anderen) Viskosität und Oberflächenspannung: Lipide mit niedriger Viskosität und geringer Oberflächenspannung breiten sich schneller auf der Unterlage aus als hochviskose Öle.

Folgende Grafik soll die Fähigkeit des Spreitens in Abhängigkeit von Viskosität und Oberflächenspannung visualisieren:

Spreitverhalten: Abbildung eines Tropfens auf einer Oberfläche
Abb.1  (© H. Käser) Spreitverhalten: Abbildung eines Öltropfens auf der Hautoberfläche

In der kosmetischen Industrie ist der Spreitwert einer Lipidkomponente ein wesentlicher Faktor für die Konzeption von Emulsionen, die den Verbraucher-Erwartungen entsprechen: sie sollen sich angenehm auftragen lassen und im Hautgefühl leicht und kaum fettend wirken, zudem wird ein lange anhaltendes Glättegefühl auf hohem Niveau gewünscht. Dr. U. Zeidler unterscheidet niedrigspreitende (unter 300 mm² /10min), mittelspreitende (ca. 300 bis 1000 mm² /10min) und hochspreitende Öle (oberhalb 1000 mm² /10min); Dr. Achim Ansmann definiert die mittelspreitenden Lipide zwischen 500 und 1000 mm² /10min. Um eine Rezeptur zu optimieren, können Öle nach ihrem Spreitverhalten kombiniert werden. So gewährleistet eine Emulsion, die aus schnell, mittel und langsam spreitenden Ölen zusammen gesetzt ist, ein angenehmeres Auftragsverhalten und Hautgefühl als Emulsionen aus nur einem Öl sowie intensivere, länger anhaltende Pflege. Dr. Achim Ansmann hat dafür den Begriff der Spreitkaskade geprägt. Rezepturen, die nicht alle »Spreiter« berücksichtigen, weisen in der Regel eine Spreitlücke auf, d. h. es fehlt eine Komponente mit einer spezifischen Wirkung, die die Dauer oder Schnelligkeit des Glättegefühls bestimmt, sich jedoch auch haptisch bemerkbar macht. Hier sehen Sie eine Kombination an schnell (hoch-), mittel und langsam (niedrig-)spreitenden Ölen zu einer Spreitkaskade:

Spreitkaskade mit schnell, mittel und langsam spreitenden Ölen
Abbildung 2: Eine Spreitkaskade aus schnell, mittel und langsam spreitenden Ölen. (© H. Käser)

Kurz zusammengefasst können wir die Eigenschaften von kosmetischen Lipiden nach ihrem Spreitwert wie folgt einteilen:
Hochspreitende Öle (»schnelle Spreiter«) verteilen sich sehr gut, dringen rasch in die Vertiefungen der Hautoberfläche ein und erzeugen ein schnelles Glättegefühl, das jedoch ebenso schnell wieder auf das alte Niveau zurückfällt. Angenehm ist die kaum fettende, sehr leicht wirkende Haptik einer Emulsion bei einem höheren Anteil an schnell spreitenden Lipiden. Diese Öle werden bevorzugt für niedrigviskose Lotionen, Cremegele, Haut- und Badeöle, Handcremes und andere »trockene« Formulierungen eingesetzt.
Niedrigspreitende Öle (»langsame Spreiter«) führen zu einem deutlich geringer ausgeprägten Glättegefühl, das jedoch lange anhält. Sie werden bevorzugt für Nachtcremes, Babypflege, Hautcremes und rückfettende Präparate eingesetzt. Ihre geringe Spreitfähigkeit prädestiniert sie für Pflegepräparate am Auge – sie kriechen nicht in die empfindlichen Schleimhäute. Ihr haptisches Fettungsvermögen ist ausgeprägt.
Mittel spreitende Öle (»mittlere Spreiter«) verteilen sich gut, zeigen ein angenehmes Einziehverhalten und glätten über einen deutlich längeren Zeitraum. Sie füllen kosmetisch die Lücke zwischen niedrig- und hochspreitenden Lipiden und können daher eine breite Palette an Produkten bedienen. Der Grad ihrer haptischen Fettung liegt im mittleren Bereich.

Sowohl das Modell von Dr. U. Zeidler als das von Dr. Achim Ansmann beziehen sich primär auf industriell konzipierte Lipidkomponenten. Native pflanzliche Öle sind, verglichen mit den gezielt komponierten Estern der konventionellen Kosmetikindustrie, bis auf wenige Ausnahmen gemäß dieser Einteilung niedrig-, also langsam spreitend und fetten haptisch deutlich stärker als leichte, synthetische Lipide. Unsere »Schnellspreiter« wie Squalan, Kokos- oder Babassuöl gelten innerhalb Zeidlers und Ansmanns Systematik lediglich als mittelspreitende Lipide; hochspreitende Komponenten fehlen unter den uns verfügbaren natürlichen Ölen völlig. Daraus resultiert u. a. die Schwierigkeit im Naturkosmetik-Sektor und als »Selbstrührer«, viskose Cremes mit angenehm leichter, nicht oder wenig fettender (»klebender«) Haptik zu erzeugen – hier fehlen superleichte, hochspreitende Ester, die die konsistenzgebenden Fettalkohole und Emulgatoren im Auftragsverhalten ausgleichen und die Gesamtformulierung geschmeidiger, leichter wirken lassen.
Im naturkosmetischen Bereich interessieren uns vor allem die Spreiteigenschaften von pflanzlichen Ölen, da uns synthetische Ester zum einen kaum zur Verfügung stehen (bis auf das hochspreitende Isopropyl Myristate, kurz IPM, mit einem Spreitwert von 1044), noch passen sie in unser Konzept einer Naturkosmetik. Naturkosmetik-Firmen (Dr. Hauschka, Lavera, Laveré u. a.) verwenden BDIH- bzw. ecocertkonforme Ester auf Basis von Glycerin und der C8-Fettsäure Caprylinsäure aus Kokosöl wie z. B. Tricaprylin (Dermofeel® MTC) oder Diacaprylyl Ether (Cetiol® OE), auch als »Glycerinöl« bezeichnet, beide mit einem sehr hohen Spreitwert von 1600, um besonders leichte und nicht fettende Formulierungen zu konzipieren. Wir verwenden Squalan als hautanaloges, am besten spreitendes Lipid.
Der persönliche Austausch mit Dr. Achim Ansmann hat mich inspiriert und ermutigt, pflanzliche Öle nach eigenen Kriterien zu unterteilen:

Das naturkosmetische Spreitmodell nach Olionatura

Da uns die schnell spreitenden synthetischen Ester fehlen, macht es Sinn, eine eigene, auf naturkosmetisch geeignete Lipidkomponenten zugeschnittene Systematik zu entwickeln, die den charakteristischen Eigenschaften nativer pflanzlicher Öle Rechnung trägt und die Unterschiede im Spreitverhalten innerhalb der gegebenen Varianzen kategorisiert. Ausgehend von den uns verfügbaren Lipiden mit sehr hohem Spreitwert können wir unsere Öle gemäß vorhandener »Sprünge« im Spreitverhalten in eine eigenständige Systematik fassen. Die Zuordnung der Öle in den Ölportraits orientiert sich nach diesem neuen, speziell auf naturkosmetische Formulierungen ausgerichteten Spreitmodell von Olionatura, das ich Ihnen hier präsentiere:

  1. hochspreitend (naturkosmetisch schnelle Spreiter): Squalan, Neutralöl, Babassuöl, Kokosöl, Palmkernöl (und andere Öle mit (im kosmetischen Sinne) kurzen/mittleren gesättigten C-Ketten, primär C8:0–C14:0)
  2. mittelspreitend (naturkosmetisch mittlere Spreiter): alle Öle mit (im kosmetischen Sinne) langen, primär ungesättigten C-Ketten (Mandelöl, Avocadoöl, Nachtkerzenöl usw., ab C16:1/C18:1, C18:2, C18:3)
  3. niedrigspreitend (naturkosmetisch langsame Spreiter): Pflanzenbuttern und Öle mit langen, gesättigten C-Ketten (ab C18:0), Sheaöl, Shea paradoxa subsp. nilotica

Neu in diesem Modell ist u. a. die Entscheidung, pflanzliche Buttern in die Systematik mit hineinzunehmen, auch wenn sie bei Zimmertemperatur nicht flüssig sind. Der Grund ist, dass unserer naturkosmetischen Formulierungen pflanzlichen Buttern als pflegende, kosmetische Lipidkomponente einen hohen Stellenwert zuschreiben und wir sie gleichberechtigt neben Ölen einsetzen, teilweise (wie in Oleogelen oder »Bodybutter«, aber auch in Emulsionen) in sehr hohen Konzentrationen.
Im Gegensatz zu Rezepturen mit synthetischen Lipiden gewährleistet eine Spreitkaskade mit pflanzlichen, nativen Ölen nicht nur ein oberflächlich angenehm und langanhaltend wirkendes Glättegefühl, sondern optimiert die Emulsion auch hinsichtlich ihrer pflegenden Eigenschaften, da sie unterschiedliche Fettsäuren und Fettbegleitstoffe gewährleistet. Konkrete Hilfe bei der Planung von Spreitkaskaden mit pflanzlichen Ölen finden Sie in dieser Beschreibung geeigneter Ölkombinationen.

Spreitangaben im Internet

Den bisweilen im Internet vorgenommenen Zuordnungen des Spreitverhaltens für pflanzliche Öle auf privaten Webseiten fehlt in der Regel ein Bezugssystem, sie sind leider völlig willkürlich gesetzt. Links ist die Angabe zu Sheabutter, rechts die zu Distelöl als Screenshot einer privaten Webseite festgehalten:

Falsch zugeordnete und willkürlich gesetzte Spreitwerte finden sich leider oft
Wer eine Emulsion einmal mit Sheabutter, einmal mit Distelöl herstellt, wird sofort in Haptik und Auftragsverhalten spüren, dass die Einordnung von Sheabutter als »schneller Spreiter« (links) und die von Distelöl als »langsamer Spreiter« (rechts) nicht korrekt sein kann. Die hochviskose, reichhaltige Pflanzenbutter verteilt sich wesentlich schwerer und hinterlässt einen deutlich rückfettenden Film, während das leichte Distelöl sich ungleich geschmeidiger aufträgt und kaum rückfettet.

Fazit

Als Konsequenz aus der Tatsache, dass pflanzliche Öle in ihrer Charakteristik haptisch fettender und »reichhaltiger« sind als konventionell genutzte Öle aus der Kosmetikindustrie, bleibt uns die Möglichkeit, durch die Auswahl eines geeigneten Emulsionssystems, durch eine gezielte Komposition der Fettphase mit Betonung auf uns verfügbaren schnellen Spreitern haptisch angenehme und wirkungsvolle Pflegeprodukte zu konzipieren.

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