Ein Faktor, der die Zusammenstellung einer Ölkombination in einer naturkosmetischen Formulierung prägt, ist das Spreitverhalten pflanzlicher Lipide. Das Spreitverhalten beschreibt ihr Verhalten, sich nach dem Auftragen auf der Haut von selbst auszubreiten. Der Spreitwert berechnet sich aus der Fläche in Quadratmillimetern, die eine bestimmte Menge einer Ölkomponente innerhalb von 10 Minuten bedeckt, er lässt sich folglich nur für bei Raumtemperatur flüssige Fette ermitteln. Wesentliche Faktoren für gute Spreiteigenschaften eines Öls sind (neben anderen) Viskosität und Oberflächenspannung: Lipide mit niedriger Viskosität und geringer Oberflächenspannung breiten sich schneller auf der Unterlage aus als hochviskose Öle.
Folgende Grafik soll die Fähigkeit des Spreitens in Abhängigkeit von Viskosität und Oberflächenspannung visualisieren:

In der kosmetischen Industrie ist der Spreitwert einer Lipidkomponente ein wesentlicher Faktor für die Konzeption von Emulsionen, die den Verbraucher-Erwartungen entsprechen: sie sollen sich angenehm auftragen lassen und im Hautgefühl leicht und kaum fettend wirken, zudem wird ein lange anhaltendes Glättegefühl auf hohem Niveau gewünscht. Dr. U. Zeidler unterscheidet niedrigspreitende (unter 300 mm² /10min), mittelspreitende (ca. 300 bis 1000 mm² /10min) und hochspreitende Öle (oberhalb 1000 mm² /10min); Dr. Achim Ansmann definiert die mittelspreitenden Lipide zwischen 500 und 1000 mm² /10min. Um eine Rezeptur zu optimieren, können Öle nach ihrem Spreitverhalten kombiniert werden. So gewährleistet eine Emulsion, die aus schnell, mittel und langsam spreitenden Ölen zusammen gesetzt ist, ein angenehmeres Auftragsverhalten und Hautgefühl als Emulsionen aus nur einem Öl sowie intensivere, länger anhaltende Pflege. Dr. Achim Ansmann hat dafür den Begriff der Spreitkaskade geprägt. Rezepturen, die nicht alle »Spreiter« berücksichtigen, weisen in der Regel eine Spreitlücke auf, d. h. es fehlt eine Komponente mit einer spezifischen Wirkung, die die Dauer oder Schnelligkeit des Glättegefühls bestimmt, sich jedoch auch haptisch bemerkbar macht. Hier sehen Sie eine Kombination an schnell (hoch-), mittel und langsam (niedrig-)spreitenden Ölen zu einer Spreitkaskade:

Kurz zusammengefasst können wir die Eigenschaften von kosmetischen
Lipiden nach ihrem Spreitwert wie folgt einteilen:
Hochspreitende Öle (»schnelle Spreiter«) verteilen
sich sehr gut, dringen rasch in die Vertiefungen der Hautoberfläche
ein und erzeugen ein schnelles Glättegefühl, das jedoch ebenso
schnell wieder auf das alte Niveau zurückfällt. Angenehm ist
die kaum fettende, sehr leicht wirkende Haptik einer Emulsion bei einem
höheren
Anteil an schnell spreitenden Lipiden. Diese Öle werden bevorzugt
für
niedrigviskose Lotionen, Cremegele, Haut- und Badeöle, Handcremes
und andere »trockene« Formulierungen eingesetzt.
Niedrigspreitende Öle (»langsame Spreiter«) führen
zu einem deutlich geringer ausgeprägten Glättegefühl, das
jedoch lange anhält.
Sie werden bevorzugt für Nachtcremes, Babypflege, Hautcremes und rückfettende
Präparate eingesetzt. Ihre geringe Spreitfähigkeit prädestiniert
sie für Pflegepräparate am Auge – sie kriechen
nicht in die empfindlichen Schleimhäute. Ihr haptisches Fettungsvermögen
ist ausgeprägt.
Mittel spreitende Öle (»mittlere Spreiter«) verteilen
sich gut, zeigen ein angenehmes Einziehverhalten und glätten über
einen deutlich längeren Zeitraum. Sie füllen kosmetisch die Lücke
zwischen niedrig- und hochspreitenden Lipiden und können daher eine
breite Palette an Produkten bedienen. Der Grad ihrer haptischen Fettung
liegt im mittleren Bereich.
Sowohl das Modell von Dr. U. Zeidler als das von Dr. Achim Ansmann
beziehen sich primär auf industriell konzipierte Lipidkomponenten.
Native pflanzliche Öle sind, verglichen mit den gezielt komponierten Estern der konventionellen
Kosmetikindustrie, bis auf wenige Ausnahmen gemäß dieser Einteilung
niedrig-, also langsam spreitend und fetten haptisch deutlich stärker
als leichte, synthetische Lipide. Unsere »Schnellspreiter« wie
Squalan, Kokos- oder Babassuöl gelten innerhalb Zeidlers und Ansmanns
Systematik lediglich als mittelspreitende Lipide; hochspreitende
Komponenten fehlen unter den uns verfügbaren natürlichen Ölen
völlig. Daraus resultiert u. a. die Schwierigkeit im Naturkosmetik-Sektor
und als »Selbstrührer«, viskose Cremes mit angenehm
leichter, nicht oder wenig fettender (»klebender«) Haptik
zu erzeugen – hier
fehlen superleichte, hochspreitende Ester, die die konsistenzgebenden
Fettalkohole und Emulgatoren im Auftragsverhalten ausgleichen und die
Gesamtformulierung geschmeidiger, leichter wirken lassen.
Im naturkosmetischen Bereich interessieren uns vor allem die Spreiteigenschaften
von pflanzlichen Ölen, da uns synthetische Ester zum einen
kaum zur Verfügung stehen (bis auf das hochspreitende Isopropyl
Myristate, kurz IPM, mit einem Spreitwert von 1044), noch passen
sie in unser Konzept einer Naturkosmetik. Naturkosmetik-Firmen (Dr. Hauschka,
Lavera, Laveré u. a.) verwenden BDIH- bzw. ecocertkonforme
Ester auf Basis von Glycerin und der C8-Fettsäure Caprylinsäure
aus Kokosöl wie z. B. Tricaprylin (Dermofeel® MTC)
oder Diacaprylyl Ether (Cetiol® OE), auch als »Glycerinöl« bezeichnet,
beide mit einem sehr hohen Spreitwert von 1600, um besonders leichte
und nicht fettende Formulierungen zu konzipieren. Wir verwenden Squalan
als hautanaloges, am besten spreitendes Lipid.
Der persönliche Austausch mit Dr. Achim Ansmann hat mich inspiriert und ermutigt,
pflanzliche Öle nach eigenen Kriterien zu unterteilen:
Da uns die schnell spreitenden synthetischen Ester fehlen, macht es Sinn, eine eigene, auf naturkosmetisch geeignete Lipidkomponenten zugeschnittene Systematik zu entwickeln, die den charakteristischen Eigenschaften nativer pflanzlicher Öle Rechnung trägt und die Unterschiede im Spreitverhalten innerhalb der gegebenen Varianzen kategorisiert. Ausgehend von den uns verfügbaren Lipiden mit sehr hohem Spreitwert können wir unsere Öle gemäß vorhandener »Sprünge« im Spreitverhalten in eine eigenständige Systematik fassen. Die Zuordnung der Öle in den Ölportraits orientiert sich nach diesem neuen, speziell auf naturkosmetische Formulierungen ausgerichteten Spreitmodell von Olionatura, das ich Ihnen hier präsentiere:
Neu in diesem Modell ist u. a. die Entscheidung, pflanzliche Buttern
in die Systematik mit hineinzunehmen, auch wenn sie bei Zimmertemperatur
nicht flüssig sind. Der Grund ist, dass unserer naturkosmetischen
Formulierungen pflanzlichen Buttern als pflegende, kosmetische Lipidkomponente
einen hohen Stellenwert zuschreiben und wir sie gleichberechtigt neben
Ölen einsetzen, teilweise (wie in Oleogelen oder »Bodybutter«, aber auch
in Emulsionen) in sehr hohen Konzentrationen.
Im Gegensatz zu Rezepturen mit synthetischen
Lipiden gewährleistet
eine Spreitkaskade mit pflanzlichen, nativen Ölen nicht nur
ein oberflächlich angenehm und langanhaltend wirkendes Glättegefühl,
sondern optimiert die Emulsion auch hinsichtlich ihrer pflegenden Eigenschaften,
da sie unterschiedliche Fettsäuren und Fettbegleitstoffe gewährleistet.
Konkrete Hilfe bei der Planung von Spreitkaskaden mit pflanzlichen Ölen
finden Sie in dieser Beschreibung geeigneter Ölkombinationen.
Den bisweilen im Internet vorgenommenen Zuordnungen des Spreitverhaltens für pflanzliche Öle auf privaten Webseiten fehlt in der Regel ein Bezugssystem, sie sind leider völlig willkürlich gesetzt. Links ist die Angabe zu Sheabutter, rechts die zu Distelöl als Screenshot einer privaten Webseite festgehalten:

Als Konsequenz aus der Tatsache, dass pflanzliche Öle in ihrer Charakteristik haptisch fettender und »reichhaltiger« sind als konventionell genutzte Öle aus der Kosmetikindustrie, bleibt uns die Möglichkeit, durch die Auswahl eines geeigneten Emulsionssystems, durch eine gezielte Komposition der Fettphase mit Betonung auf uns verfügbaren schnellen Spreitern haptisch angenehme und wirkungsvolle Pflegeprodukte zu konzipieren.