Öle kombinieren: Kombinationsstrategien

Grundlegenden Einfluss auf das Auftragsverhalten, Konsistenz, Haptik und die Wirkung einer Emulsion haben die verwendeten Öle. Jedes Öl wird durch sein spezifisches Fettsäuremuster und eine spezifische Komposition an Fettbegleitstoffen charakterisiert: Vitamine, Phospholipide, Phytosterole, Squalene, Flavonoide, Carotinoide und andere Substanzen. Für den Rühranfänger ist die Auswahl unüberschaubar groß, und die Entscheidung, welches Öl – oder welche Kombination – zum eigenen Hautzustand passt, scheint nicht leicht zu treffen. Auch die Jahreszeit spielt eine Rolle für eine optimale Ölauswahl, da intensive Licht- und Temperatureinflüsse unerwünschte Auswirkungen auf die Stabilität der Emulsion auf der Haut haben können. Die folgenden »Strategien« sollen daher eine Orientierung bieten und bei den ersten Rezepten helfen. Mit der Zeit lernen Sie die einzelnen Öle kennen und wissen, welches Öl, welche Ölkombination das tut, was Sie erwarten. Ergänzend dazu finden Sie links in der Navigationsleiste eine Übersicht über Ölgruppen im Beitrag »Vorschläge für Ölkombinationen«. Denken Sie daran: Sie können nichts falsch machen! Man kann Dinge mit der Zeit eben optimieren – nicht mehr und nicht weniger.

Strategie 1: Fettsäurespektren beachten

Wenn Sie sich die Ölportraits bzw. die Tabellen (siehe »Beiträge im Kontext« rechts oben) angesehen haben, werden Sie erkennen, dass alle Öle im Wesentlichen mehr oder weniger große Anteile an Öl-, Linol-, Palmitin-, Palmitolein-, Stearin- und α- und γ-Linolensäuren aufweisen. Jedes Öl ist durch jeweilige Schwerpunkte in bestimmten Fettsäurebereichen charakterisiert. Im Hinblick auf die Funktionen, die Lipide im Stratum corneum erfüllen, ist eine sinnvolle Strategie für die Ölauswahl, Öle zu kombinieren, die sich in ihrem Spektrum und damit in ihren spezifischen Funktionen ergänzen. In den Ölportraits habe ich zum Teil Empfehlungen notiert, die genau auf diese Strategie abzielen. Dabei sollten Öl-, Palmitin- und Linolsäure den »Hauptakkord« spielen, während die Linolensäuren (insbesondere bei reifer, trockener oder neurodermitischer Haut) das Spektrum vervollständigen. Mein Tipp: nutzen Sie die Kreisdiagramme der einzelnen Öle; hier gelingt Ihnen auf einem Blick sehr intuitiv der direkte Vergleich und die Einschätzung der Fettsäuremuster. Die Fettsäuren geben Ihnen auch Hinweise auf das Einziehverhalten eines Öls (wobei dies nur Orientierungspunkte sind; exakte Aussagen finden Sie in den Ölportraits): ölsäurebetonte Öle ziehen in der Regel gut, aber mit einer gewissen Verzögerung ein (dies prädestiniert sie oft als ausgezeichnete Massageöle). Linolsäurereiche Öle hingegen ziehen haptisch relativ schnell ein und wirken dadurch in der Regel »leichter« und geringer rückfettend. Besonders reichhaltig wirken Emulsionen mit pflanzlichen Ölen und Buttern, die sich durch einen hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren (Stearinsäure, Palmitinsäure) und unverseifbaren Fettbegleitstoffen auszeichnen. Angenehm leicht wirken Squalan, Kokos- und Babassuöl, die sehr schnell einziehen.

Strategie 2: Öle nach Jodzahl kombinieren

Öle werden nach ihrer Jodzahl in nicht trocknende, halb trocknende und trocknende Öle unterteilt. Je höher die Jodzahl, desto höher ist der Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Indirekt spiegelt die Jodzahl also das Verhältnis gesättigter, einfach und mehrfach ungesättigter Fettsäuren wieder. Die Bezeichnungen »trocknend«, »halb trocknend« und »nicht trocknend« zielen auf das Verhalten von Ölen, unter Luftsauerstoff-Einfluss zu verharzen, d. h. einen trockenen, elastischen Film auszubilden (denken Sie an Leinöl, das sehr schnell verharzt – eben »trocknet« – und durch seinen Film Holzoberflächen schützt oder als Firnisschutz für die Farben eines Gemäldes dient). Sie bezeichnen nicht ihre kosmetische Wirkung auf die Haut.
Öle mit einem hohen Anteil an einfach ungesättigten Fettsäuren wie Ölsäure sind i. d. R. nicht trocknende Öle und bilden eine gute, leicht rückfettende und oxidationsstabile Basis für eine Rezeptur. Sie schützen die Haut und dringen in der Regel etwas langsamer, aber gut ein; ergänzt mit einem halb trocknenden Öl  (in der Tendenz linolsäurereich) und einem kleinen Anteil (bis 10 %) an ungesättigten Fettsäuren reichen Ölen – das sind in der Mehrheit trocknende Öle – erreichen Sie ein breites Fettsäurespektrum, das pflegt, schützt und die Haut optimal und langfristig versorgt. In den Ölportraits sind Jodzahl und die Zuordnung zum Öltyp (nicht trocknend, halb trocknend, trocknend bzw. Tendenzen) angegeben.

Strategie 3: Spreitkaskaden planen

Öle verhalten sich unterschiedlich auf der Haut: sie breiten sich mehr oder weniger schnell auf der Haut aus; manche ziehen schnell ein, andere liegen wie ein Film auf ihr (wobei »Spreiten« und »Einziehen« nicht zwingend etwas mit einander zu tun haben). Spreiteigenschaften können, sinnvoll kombiniert, das Auftragsverhalten, das Hautgefühl und die nachhaltig pflegende Wirkung einer selbst gerührten Emulsion deutlich verbessern. Je nach Spreitverhalten erzeugen Öle ein spezifisches Glättegefühl, das entweder kurzzeitig sehr ausgeprägt ist oder geringer ausgeprägt lange anhält; daneben prägen sie den Grad der haptischen (fühlbaren) Rückfettung und Auftragsverhalten. Öle lassen sich gezielt zu einer Spreitkaskade¹ kombinieren, die ein gewünschtes kosmetisches und emulsionstechnologisches Verhalten zeigen. Was das bedeutet, zeigen folgende Grafiken:

a) Glättegefühl bei Verwendung eines hochspreitenden Öls

Glättegfühl bei einem schnell spreitenden Öl
Abb.1  Wenn wir ein schnell (hoch-) spreitendes Öl verwenden, erzeugt es sofort ein schönes, aber nicht lange andauerndes Glättegefühl auf der Haut. Es verteilt sich ausgezeichnet, fettet kaum und erzeugt sehr leicht wirkende Emulsionen. (© H. Käser)

b) Glättegefühl bei Verwendung eines niedrigspreitenden Öls

Glättegfühl bei einem langsam spreitenden Öl
Abb.2  Verwenden wir ein langsam (niedrig-)spreitendes Öl, ist das Glättegefühl beim Auftrag nicht ausgeprägt, bleibt jedoch lange auf diesem Niveau. In Kombination mit dem schnell (hoch-)spreitenden Öl ergibt sich jedoch eine Spreitlücke: die Glättewirkung des schnell spreitenden Öls ist bereits gesunken, die des langsam spreitenden Öls hält auf einem gewissen Niveau an, aber eben keinem ausgeprägten. Auch das Auftragsverhalten zeigt einen »Sprung«, es fehlt an Geschmeidigkeit. (© H. Käser)

c) Glättegefühl bei einer geplanten Spreitkaskade

Glättegfühl bei nach Spreitverhalten kombinierten Ölen
Abb.3  Glättegefühl und Auftragsverhalten bei kombinierter Verwendung von hoch-, mittel und niedrigspreitenden Ölen: hier sind alle 3 Spreittypen kombiniert, und das mittel spreitende Öl fühlt die Spreitlücke aus und sorgt für lang anhaltende Glätte und ein geschmeidiges Auftragsverhalten. (© H. Käser)

Wir Selbstrührer haben jedoch ein »Problem«: unter den pflanzlichen Ölen gibt es keine hochspreitenden Lipidkomponenten gemäß des in der Kosmetikindustrie etablierten Modells von Dr. U. Zeidler². Die uns verfügbaren, am schnellsten spreitenden Lipide sind Squalan, Kokos-, Babassuöl, Neutralöl und Palmkernöl, die nach dem Modell von Dr. U. Zeidler (das primär synthetische und halbsynthetische Lipide teilweise mit sehr hohem Spreitwert berücksichtigt) zu den mittleren Spreitern gehören. Nahezu alle anderen Pflanzenöle sind nach diesem Modell langsame, also Niedrigspreiter; extrem langsam spreitet Rizinusöl, nicht viel besser Shea- und andere Buttern. Daher habe ich pflanzliche Öle nach einer eigenen, aus meiner Praxis entwickelten und naturkosmetisch orientierten Systematik kategorisiert, die Sie hier detailliert nachlesen können. Die Spreiteigenschaften sowohl nach meiner als nach der Systematik von Dr. U. Zeidler sind in den Ölportraits notiert. Kombinieren Sie Öle so, dass Sie zwei bis drei »Spreiter« berücksichtigen, die mittleren in dominierender Rolle (weil sie hervorragend pflegen), die langsamen als rückfettende und schützende Komponenten, die schnellen für leichtere, nicht fettende Texturen und eine schöne Haptik. Es geht übrigens nicht nur um äußerliche Dinge wie schöne Emulsionen (was manche leider falsch verstehen): eine sorgfältig geplante Ölmischung steigert die pflegende Wirkung eines Kosmetikums spürbar – und macht so manchen Wirkstoff überflüssig.

Öle für den Sommer, Öle für den Winter?

Dieser Aspekt wird Sie vielleicht verwundern: warum sollte man im Sommer andere Öle in seinen Pflegepräparaten verwenden als im Winter? Wenn Sie Ihre Natur-Kosmetik selber machen und (vermutlich) Wert auf native, ungesättigte Öle legen, ist es meines Erachtens sinnvoll, sich tatsächlich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Grund ist die oxidative Instabilität zwei- und vor allem mehrfach ungesättigter Fettsäuren bei Faktoren wie hohen Temperaturen und intensivem Lichteinfluss, wie sie ab spätem Frühjahr und im Sommer auf unsere Haut einwirken können.
Auslöser für meine These war ein Sommerurlaub auf Menorca 2007, in den ich das erste Mal statt Natur-Kosmetik-Proben aus dem Bioladen (wie sonst üblich, weil ich meine wenig konservierten Präparate ungern in erhitzten Koffern transportiere) selbst gerührte Fluids mitnahm. Wenige Wochen nach dem Urlaub entdeckte ich mehrere Pigmentflecken auf einer Wangenseite –  und erinnerte mich an meine Pflege und die vielen ungesättigten Öle, die ich darin verwendet hatte. Sollte es einen Zusammenhang geben zwischen ihnen und der intensiven Lichteinwirkung im Urlaub? Im März 2008 besuchte ich Dr. Lautenschläger und erörterte mit ihm meine in der Rührküche im Oktober 2007 das erste Mal geäußerte These; er fand sie absolut schlüssig und stimmte mir zu, es sei wohl sinnvoll, im Sommer stabile Öle in der Tagespflege einzusetzen und die wunderbaren mehrfach ungesättigten Öle in die Nachtpflege auszulagern. So halte ich es heute in der warmen, lichtintensiven Jahreszeit: tagsüber primär stabile Öle, nachts die wertvollen Wirkstofföle. Weitere Hinweise zur Rezeptentwicklung speziell für den Sommer sowie für Sonnenschutzpräparate finden Sie im Beitrag Sonnenschutz und Hautpflege im Sommer. Die bekannte Mallorca-Akne (Akne aestivalis) entsteht übrigens aus toxischen Abbauprodukten von durch Sonneneinstrahlung und Wärme oxidierten und zersetzten Lipiden in Kosmetika; lichtbedingte Hautalterung ist u.a. durch die Oxidation hauteigener Lipide geprägt. Sie sehen: es macht Sinn, sich diesem Problem zu stellen.
Naturkosmetikhersteller verarbeiten aus diesem Grund bevorzugt raffinierte Öle, denen oxidativ anfällige Fettbegleitstoffe wie Phospholipide entzogen wurden, und stabile Öle wie Jojoba-, Avocado-, Mandel-, High Oleic-Sonnenblumenöl, Sesamöl, Pflanzenbuttern und Wachse. Ungesättigten Öle stehen eher am Ende der INCI-Liste, was ihren geringen Anteil am Gesamtprodukt kennzeichnet. Zusätzlich schützen Antioxidantien wie Ascorbylpalmitat oder Tocopherolacetat die Emulsion.
Ich muss zugeben, ich habe diese These naturgemäß nie in Testreihen wissenschaftlich absichern können. Sie resultiert aus meinen Erfahrungen, meinem Wissen über Dermatologie und Ölen und den Schlüssen, die ich daraus gezogen habe. Nicht wenige Selbstrührer empfinden sie als schlüssig und orientieren sich mittlerweile an ihr, auch wenn dies bedeutet, manche lieb gewonnenen und bewährten Rezepte abzuändern, da die stabileren Öle in der Regel einen höheren Anteil gesättigte Fettsäuren aufweisen und ihre Okklusivität in der Gesamtrezeptur »aufgefangen« werden muss – eventuell durch einen anderen Emulgator oder die Verringerung der Fettphase. Ich denke jedoch, dass sie einen wichtigen Schritt darstellt zu mehr Professionalität und Qualität im Herstellen eigener, hautgesunder Natur-Kosmetik.

Welche Rolle spielen Hauttyp und Alter?

In den Ölportraits finden Sie gewisse Empfehlungen hinsichtlich Hauttyp, und der Begriff »reife Haut« umschreibt charmant, dass ihre Trägerin ein gewisses Alter erreicht hat. Diese Empfehlungen greifen vor allem da, wo Öle in besonderer Weise spezifische Fettsäuren und Begleitstoffe (z. B. Antioxidantien) bieten, die altersbedingte Eigenschaften der Haut oder den Hautzustand in besonderer Weise berücksichtigen. Da reife Haut z. B. in der Tendenz trockener ist als junge Haut, tun ihr in der Regel alle Öle gut, die die Lipidschichten regenerieren – ölsäure-, palmitolein- und phytosterolreiche Öle, weil sie lipophile Wirkstoffe besonders tief in die Hornschicht transportieren, linolsäurereiche, weil sie die Lipidbarriere regenerieren.
Junge (gesunde) Haut hingegen ist in der Regel von innen heraus gut hydratisiert und benötigt schlichtweg weniger feuchtigkeitsbindende Wirkstoffe und eher leichte (wasserreiche) Emulsionen, weil die hauteigene Lipidproduktion ausreicht; sie profitiert von lecithin- und phytosterolreichen Ölen, die die Verhornung regulieren, benötigt ansonsten jedoch wenig Unterstützung. Hier wären die stark zellregenerierenden und hochpreisigen Wirkstofföle aus Granatapfel- und Wildrosensamen schlicht nicht notwendig.
Ich persönlich bin der Überzeugung, dass die Gesamtrezeptur – also das Verhältnis von Fett- zu Wasserphase, der gewählten Emulgator, die eingesetzten Wirkstoffe – mindestens ebenso so wichtig ist wie die Zuordnung eines Öls zu »junger« oder »reifer« Haut. Selbst Traubenkernöl, das als Öl für eher fettige Hautzustände gilt (und damit statistisch wahrscheinlich mehr junge Menschen erfasst) ist durch seinen Lecithingehalt, der als Gleitschiene für lipophile Wirkstoffe fungiert, und durch seinen Anteil am Radikalfänger Prozyanidin ein hochinteressantes Öl für »ältere Semester«.  Wenn Sie die Informationen über die »Fettsäuren im Detail« gelesen haben, werden Sie die Wirkung und Eignung eines Öls mit der Zeit bereits an seiner Zusammensetzung einschätzen können. Kurz: die Komposition des Gesamtprodukts ist wesentlich, nicht das einzelne Öl.

Quellenangaben und weiterführende Informationen

  1. Dr. Achim Ansmann: Systematik und Einsatz kosmetischer Grundstoffe. Emollients. Seminarunterlagen der Firma Cognis, persönlich zur Verfügung gestellt.
  2. Dr. U. Zeidler, Über das Spreiten von Lipiden auf der Haut. Fette, Seifen, Anstrichmittel Nr. 10/1985, S. 403–408
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